- 31.05.2006, 17:28:39
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"Die Presse": Leitartikel: "Und jetzt bitte einen echten "Zigeunerbaron"!" (von Barbara Petsch)
Ausgabe vom 1.6.2006
Wien (OTS) - Robert Meyer ist Volksopernchef. Toll! Was wird sonst
mit den ehrwürdigen Staatstheatern passieren?
Burgschauspieler Robert Meyer ist also ab der Saison 2007/08
Volksopernchef. Katastrophe! Freunderlwirtschaft! Totengräber!
Endzeit! Dieser Bruder Simpel wird das krisengeschüttelte Haus
endgültig an die Wand fahren. Schreien jetzt die Auguren. Gut, Meyer
fehlt die Kenntnis in der Führung eines großen Theaters wie es die
Ausschreibung verlangt hat. Seine Regie-Erfahrungen in Graz, Ischl
und am Burgtheater, wo er Nestroy inszenierte, sind eher dürftig.
Allerdings: Der neue Josefstadt-Chef Herbert Föttinger ist auch "nur"
ein Schauspieler, der Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg
kommt aus der Off-Szene, der Staatsoperndirektor Holender war Agent,
sein Vorgänger Eberhard Waechter ein Sänger. Jede
Direktionsbestellung ist ein Risiko. Was zu erkennen ist: Meyers
Berufung war keine visionäre, sondern eine pragmatische Entscheidung.
Star-Schauspieler ist er keiner, aber bekannt und beliebt, ein
Könner, der über Jahrzehnte ein künstlerisch erfreulich hohes Niveau
halten konnte. Meyer war nie faul oder peinlich. Nicht einmal, als
der frühere Burgtheater-Direktor Claus Peymann, dessen Gegner Meyer
war, diesen in Goldonis "Impresario von Smyrna" als seine eigene
Karikatur auftreten ließ: als Schmieren-Komödiant. Meyer erledigte
selbst das mit Grandezza.
Wenn er auf der Bühne stand, hatte man nie das Gefühl, da wartet
einer nur auf seine Staatspension. Es war immer eine Freude, Meyer zu
erleben. Und als Nestroy-Spieler stand er an der Wiege einer modernen
Interpretation dieses Dichters anstelle des alten Lach-und
Schmäh-Theaters.
Bei der Volksoper scheint Meyer bereit, sich ohne viel Wenn und Aber
in die Arbeit zu stürzen. Die Belegschaft scheint ihn zu
unterstützen. Und mit dem Burgtheater-Chefdisponenten Rainer Schubert
hat er einen klugen zweiten Mann an der Seite.
In Interviews signalisiert Meyer, dass er an eine Versöhnung von
Tradition und Moderne glaubt. Das ist das Schwierigste überhaupt in
der Bühnenkunst. Was Kritiker und Freunde des Originellen schätzen,
trifft sich selten mit dem Geschmack des breiten Publikums. Ob Meyer
diesen Spagat beherrscht - wie etwa der frühere Volksopernchef und
jetzige Burgtheaterdirektor Klaus Bachler - muss er erst beweisen.
Auch Bachler hat übrigens als Schauspieler begonnen. Der damalige
Kanzler Klima setzte ihn 1999 durch, weil er ihm vertraute. Der
jetzige Kanzler Schüssel wird die nächste große Personal-Entscheidung
bei den Bundestheatern beeinflussen: die Ernennung eines
Burgtheater-Direktors ab 2009. Die Ausschreibungsfrist endete am 7.
Mai. Staatssekretär Morak will den Bachler-Nachfolger bis Mitte Juli
bekannt geben. Derartige Berufungen haben immer auch mit Politik zu
tun.
Die Frage ist, wie sicher kann sich die Regierung nach dem
Bawag-Debakel sein, dass der Wahlsieg noch einmal an die VP geht? Die
erste Frau im Burgtheater wäre eine Sensation und ein Signal an die
Wählerinnen. Aber braucht man das noch? Notabene die beiden zuletzt
genannten Damen Elisabeth Schweeger, Intendantin des Schauspiels
Frankfurt, und Regisseurin Andrea Breth nicht hundertprozentig
überzeugend erscheinen. Breth ist eine große Künstlerin, gilt aber
als unberechenbar. Derzeit inszeniert sie "Wallenstein" in der Burg
und lehrt - wie man hört - Bachler das Fürchten. Weil dieser erkennen
ließ, dass er sie nicht für eine geeignete Nachfolgerin hält?
Schweeger: Wirtschaftlich tüchtig, aber vielleicht doch ästhetisch zu
schräg. So könnte es leicht passieren, dass die Herren das Spiel
wieder einmal unter sich ausmachen. Im Gespräch sind vor allem
Matthias Hartmann, Intendant des Zürcher Schauspielhauses, der
Regisseur und Schauspieldirektor der Salzburg Festspiele, Martin
Ku?ej oder der Intendant des Hamburger Thalia Theaters, Ulrich Khuon.
Falls die VP die Wahl gewinnt, wird sie weitere wichtige
Weichenstellungen bei den Bundestheatern vorzunehmen haben. Der
Vertrag von Holding-Chef Georg Springer endet 2009, dass ein VP-naher
Nachfolger gewünscht wird, liegt nahe. Die Staatsoper dürfte 2010 neu
besetzt werden; mit Star-Dirigent Franz Welser-Möst? Wenn er wirklich
will, könnte er es werden. Eins steht fest: In diesen kargen
Subventionszeiten sind Personen gefragt, die Häuser füllen und
möglichst kein Geld hinauswerfen. Richtig so. Meyer ist ein erstes
Signal für diese Linie.
Und wenn wir alten Operetten-Fans noch einen kleinen Wunsch äußern
dürften: Bitte als nächstes einen echten "Zigeunerbaron" ohne
Mätzchen.
Rückfragehinweis:
Die Presse
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Tel.: (01) 514 14-445
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