• 28.05.2006, 21:21:15
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der deutsche Papst in Auschwitz und seine stille Kraft der Gesten" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 29.05.2006

Graz (OTS) - Der Papst hat Auschwitz besucht. Es war die letzte
Station seiner Polen reise und zugleich die schwierigste, da die
Bürde der Geschichte, die auf den Schultern von Benedikt XVI.
lastete, doppelt schwer wog. Denn Joseph Ratzinger kam ja nicht nur
als Oberhaupt der katholischen Kirche ins Vernichtungslager, sondern
er kam vor allem als Deutscher an den Ort, wo der Tod "ein Meister
aus Deutsch
land" war, wie es in Paul Celans "Todesfuge" heißt. Erst diese
besondere Kombination verlieh dem Besuch in Auschwitz seine tiefe
Symbolik.

So wie schon sein Vorgänger spürt auch Benedikt XVI. die große
Verantwortung der katholischen Kirche für 2000 Jahre christlichen
Antijudaismus. Schon lange vor dem Holocaust haben Christen Juden
Schreckliches angetan: Zwischen dem Blutbad, das die Kreuzfahrer 1096
unter den Juden im Rheinland anrichteten, und dem religiös
motivierten Antisemitismus eines Karl Lueger, knüpft sich ein
direktes Band historischer Schuld, an dessen Ende Adolf Hitler steht,
der als junger Vagabund im Wien des Fin-de-Siècle begierig die
Hasstiraden des christlichsozialen Bürgermeisters gegen die Juden in
sich aufsog.

Wer sich vom Besuch des deutschen Papstes im deutschen
Vernichtungslager Spektakuläres erwartete, wurde enttäuscht. Benedikt
hat weder etwas gesagt, noch etwas getan, was man als Sensation
empfinden könnte. Vielmehr ist er sich selbst treu geblieben. Das
zeigt sich darin, dass der Theologe Joseph Ratzinger am "Ort des
Grauens" Gott nicht die Frage ersparen konnte und wollte, "wie er
dies alles zulassen konnte". In dieser Form hat man das von einem
Papst noch nie vernommen.

So wie auf seiner gesamten Apostolischen Visite in Polen hat Benedikt
auch in Auschwitz auf die stille Kraft der Gesten vertraut. Da er das
aber als Katholik und Deutscher tat, hat er aus der Stätte des
millionenfachen Mordes mehr als einen rein deutschen Sühneort
gemacht.

Der Sache der Versöhnung zwischen Juden, Christen, Deutschen und
Polen hat Benedikt XVI. mit dem Besuch im Konzentrationslager und
seiner Polenreise insgesamt einen unschätzbaren Dienst erwiesen. Er,
der scheue deutsche Professor, suchte erst gar nicht den Vergleich
mit Karol Wojtyla, dem charismatischen Polen. Der deutsche Papst
biederte sich nicht an, sondern blieb ganz er selbst. Die Polen haben
es ihm mit Begeisterung gedankt und als würdigen Nachfolger gefeiert.
Damit ist Benedikt wohl endgültig aus den Fußstapfen seines
Vorgängers getreten. ****

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Kleine Zeitung
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