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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Befreiungsbewegung" (von Hubert Patterer)
Ausgabe vom 28.5.2006
Graz (OTS) - Im Würgegriff der Parteien und der Quoten: Der ORF
braucht ein neues Volksbegehren.
Aus dem Kastl wird nix, irrte ÖVP-Kanzler Julius Raab, als Mitte der
50er das Fernsehen Einzug hielt. Er überließ es den Roten. Die ahnten
früh: Wer nicht aus dem Kastl lacht, wird nix. Im Wissen um die
Wirkungsmacht des Mediums haben sich die Regierenden seit jeher des
Fernsehens bemächtigt. Nur in der Schamlosigkeit des Zugriffs gab es
graduelle Unterschiede. Bruno Kreisky war der erste Unkeusche, aber
nicht ohne Dezenz und Raffinesse. Viktor Klima fehlte es an beidem.
Unter der Wenderegierung sollte alles besser werden, weniger
Albanien, mehr Freiheit. Herausgekommen ist die Abschaffung des
Monopols, aber zugleich die Fortsetzung der Einflussnahme mit
anderen, derberen Mitteln. Das Resultat ist ein Klima der
Ängstlichkeit mit einem ängstlichen Programm. Was früher ein "Club 2"
war, Streitkultur ohne Netz, ist heute ödes Funktionärs-Gezänk von
grausamer Blutleere.
Das Kuratorium heißt jetzt Stiftungsrat, aber seine Mitglieder sind
Vertraute der Regierenden geblieben. Jede Wahl steht vorab fest,
politisch ausverhandelt bis hinunter zu den Landesdirektoren. Wer
gewählt wird, benötigt das Wohlwollen der Machthaber und die
Gewählten sollen das Wohlwollen durch Wohlverhalten rechtfertigen.
Andernfalls schwindet das Wohlwollen bei der Wiederwahl. Monika
Lindner wird wiedergewählt.
Sie ist eine erfolgreiche, tüchtige Frau, aber empfindungslos, was
öffentlich geht und was nicht. Anders lässt sich nicht erklären, dass
sie etwa beim Opernball Arm in Arm mit Niederösterreichs
Landeshauptmann über die Feststiege schreitet. Oder: Dass sie bei
einer Wahlkampf-Rede des Kanzlers in der zweiten Reihe als Ehrengast
Platz nimmt. Warum sagt ihr niemand, wie verheerend die Symbolik ist?
Wie soll da ihr Sportchef jemals ein Sensorium dafür entwickeln, dass
er bei Großereignissen in die Reporterkabine gehört und nicht
zigarrerauchend auf die politische Ehrentribüne?
Der ORF war einmal das geistige Leitmedium des Landes, ein Vulkan an
schöpferischer Exzellenz. Die kritische Intelligenz des Landes hatte
dort ihr Zuhause, trieb die Debatten an und strahlte in die
Wohnzimmer. Heute findet sie sich fast geschlossen auf der
Internet-Plattform "sos-orf" wieder, um die Stimme zu erheben gegen
politischen Druck und das eingebüßte Niveau, verschuldet durch
kopflose Assimilierung gegenüber den Privaten.
832.000 Bürger unterschrieben vor mehr als vierzig Jahren das
Volksbegehren für einen unabhängigen, souveränen ORF. Jetzt hat Armin
Wolf eine neue Freiheitsbewegung losgetreten. Sie ist
demokratiepolitisch so unverzichtbar wie damals. ****
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