WirtschaftsBlatt Kommentar vom 23. 5. 2006: Ist das 19. Jahrhundert endlich vorbei? - von Herbert Geyer

Montenegriner sind keine Serben, weil sie keine Serben sein wollen

Wien (OTS) - Eine knappe Mehrheit der Montenegriner hat sich für die Unabhängigkeit ihres Lands von Serbien entschieden. Der offenbar unaufhaltsame Zerfall des Vielvölkerstaats Jugoslawien geht also weiter - diesmal hoffentlich ohne Gewaltanwendung.

Ausschlaggebend für das Votum waren offenbar zwar vor allem die starken albanischen und bosnischen Minderheiten im Land, aber auch ein Gutteil derer, die sich selbst als Montenegriner bezeichnen, muss für die Trennung von Serbien gestimmt haben. Wären wir nicht Österreicher - die sich von den Deutschen vor allem dadurch unterscheiden, dass sie keine Deutschen sein wollen -, täten wir uns wohl schwer mit dem Verständnis für diesen Schritt. Denn Montenegriner unterscheiden sich von den Serben vor allem dadurch, dass sie keine Serben sein wollen. Das sei ihnen unbenommen.

Rätselhaft erscheint im beginnenden 21. Jahrhundert, dass viele Völker offenbar noch das 19. Jahrhundert für sich abschliessen müssen, ehe sie sich dem 20. oder gar dem 21. zuwenden können. An sich war ja das 19. Jahrhundert (mit Ausläufern bis zum Ersten Weltkrieg) jenes, in dem sich Völker zu Nationalstaaten zusammenschlossen oder ihre nationale Unabhängigkeit erkämpften. Die Gründung Deutschlands und Italiens fällt ebenso in diese Phase wie die Unabhängigkeit Norwegens, Finnlands, der baltischen Staaten, Ungarns und der anderen bis 1918 von den Habsburgern beherrschten Völker.

Nachdem sich im Zweiten Weltkrieg die Idee des Nationalstaats bis zur Absurdität pervertierte, begann die Gegenbewegung: Seit damals sind übernationale Zusammenschlüsse gefragt. Ihr schönstes Beispiel: Die deutsch-französische Grenze, um die von 1870 bis 1945 drei blutige Kriege gefochten wurden, die jetzt ohne Pass- und Zollkontrollen passiert werden kann.

In Zeiten solcher Zusammenschlüsse neue Grenzbalken zu errichten, ist natürlich ein absurder Anachronismus - noch viel mehr, wenn (wie im Fall der jugoslawischen Nachfolgestaaten) alle Beteiligten sich im Ziel einig sind, der Europäischen Union beizutreten. Der Zerfall der Tschechoslowakei, die Bestrebungen zu einer Teilung Belgiens oder jetzt die Unabhängigkeit Montenegros sind daher - wenn überhaupt -nur aus der Sicht der Betroffenen zu verstehen.

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