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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Kollision mit der Macht ist eine Pflicht der Medien" (von Frido Hütter)
Ausgabe vom 19.05.2006
Graz (OTS) - Es war im Jahr 1988. Ein Nachmittag in New York. Dass
Weiße Haus bot den TV-Stationen die Live-Übertragung einer Rede des
damaligen Präsidenten Ronald Reagan zur gerade schwelenden
Iran-Waffen-Affäre an.
Peter Jennings, Anchorman des Riesen ABC, ließ ausrichten, man wolle
erst den Text sehen und dann entscheiden. Das Präsidentenbüro
wiederum verweigerte dies standhaft. Worauf ABC meinte, das Risiko
einer womöglich langweiligen Rede wolle man nicht auf sich nehmen. -
Reagan musste schließlich mit dem kleinen Kanal WNET 13 Vorlieb
nehmen. (Er war langweilig.)
Mitte der achtziger Jahre verbreiteten über den britischen Sender ITV
die Puppen von Spitting Image dermaßen beißende Satiren über die
herrschenden Politiker, dass selbst die humorvollsten unter ihnen
binnen Minuten Gallenbeschwerden bekamen.
Im März dieses Jahres befragte die RAI-Journalistin Lucia Annunziata
den wahlkämpfenden Präsidenten Silvio Berlusconi derart insistent,
dass dieser wütend vorzeitig aus dem Studio stürzte.
Es steht hier nicht zur Debatte, ob jeder einzelne Fall per se
lobenswert ist. Sicher ist nur, dass sie alle in demokratisch hoch
entwickelten Ländern passiert sind und dass sie im ORF undenkbar
wären.
Allein das sollte einen nachdenklich machen. Das Wesen unabhängiger
Medien in der freien Welt ist es, dass sie mit den jeweils Mächtigen
kollidieren. Zumal es wiederum deren natürlicher Wunsch ist, mediales
Wohlverhalten zu bekommen. Ist es in diesem Zusammenhang nicht
geradezu verdächtig, wie selten der ORF Schelte der momentanen
Regierung einstecken muss?
Nun hat Armin Wolf, einer der beliebtesten und kompetentesten
Journalisten des Landes, auf die Gleichschaltung des ORF und auf die
Willfährigkeit gegenüber den Machthabenden aufmerksam gemacht.
Natürlich wurde der kühne Frei-Sprecher der Selbstinszenierung
geziehen. Aber wie groß muss der Druck sein, wenn ein per Gesetz zur
Unabhängigkeit verpflichteter, vermutlich gut bezahlter Mann das
Risiko auf sich nimmt, als Nestbeschmutzer zu gelten?!
Die Informationssendungen des ORF verloren in den letzten Jahren
dramatisch an Reichweite. Das liegt ganz sicher nicht zuletzt an der
verordneten Zahmheit, der sich nur all zu viele ORF-Kollegen beugen.
Aber statt sie zu maßregeln, sollte man ihnen Mut machen, ihre
legistisch verbriefte Freiheit auch auszuleben.
Das würde dem Sender und Österreich nützen. ****
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