- 12.05.2006, 17:03:39
- /
- OTS0277 OTW0277
Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar
Wien (OTS) - Theater mit Ablaufdatum
Wir haben Wien wieder zurück. Die Gipfelhektik ist vorbei. Geblieben
ist wenig - außer der Erinnerung an einige bunte Gestalten. Die
Präsidenten Boliviens und Venezuelas stellen ja alles in den
Schatten, was Europa unter dem Stichwort "Populismus" je erlebt hat.
Während von Chile bis Kolumbien, von Mexiko bis Brasilien seriöse
Politik versucht wird, machen die beiden ein dauerndes
Kasperltheater. Freilich mit Ablaufdatum: Sobald sie einmal keine
Energievorräte mehr haben, geht den großsprecherischen Präsidenten
die Luft aus. Und ihre Länder sind weiter bitterarm. Dann kann Hugo
Chavez keine Aktionen für Arme in US-Städten mehr organisieren. Evo
Morales wird aber vielleicht noch immer seine Walze abspulen:
nämlich, dass an allen Problemen Lateinamerikas die einstigen
Kolonialmächte Schuld tragen. Und diese müssten sie abtragen.
Das Argument ist historisch nicht unrichtig. Es ist aber unbrauchbar
für die Zukunft. Denn je intensiver ein Land den alten Kolonialismus
beklagt, umso weniger ist es dem Morgen gewachsen. Auch die Afrikaner
- die erst ein Jahrhundert nach Lateinamerika ihre Kolonialherren
vertrieben haben - haben etliche Zeit von diesen Klagen gelebt, heute
beginnt aber zunehmend ein Umdenken. Asien, das auch erst im 20.
Jahrhundert die Europäer vertrieben hat, hat sich überhaupt nicht
sehr mit einem Beklagen der Vergangenheit abgegeben. Dafür ist es
heute besser für die Zukunft gerüstet als Europa.
Vor allem aber: Wird solcherart historisches Unrecht zum ewigen
Argument, dann gehen wir unruhigen Zeiten entgegen. Dann könnten wir
Forderungen an die Schweden stellen (wegen des 30-jährigen Kriegs)
oder an die Franzosen (wegen der Besuche Napoleons). Dann könnten
Tschechen, Polen und Slowaken Österreich belangen, weil sie in der
Monarchie nicht mit Deutschen und Ungarn gleichgestellt waren. Dann
könnten die Araber an die Türken herantreten, die Griechen an die
Römer, die Balten an die Russen, die Chinesen an die Japaner . . .
Nutzen würde das nur dem Arbeitsmarkt für Historiker und Juristen.
Und den Waffenproduzenten.
Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
mailto:[email protected]
OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR






