- 04.05.2006, 20:23:48
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wieder gefordert zu werden - das ist die Herausforderung" (Von Claudia Gigler)
Ausgabe vom 5.5.2006
Graz (OTS) - Inzwischen ist jeder im ÖGB der Meinung, dass die
Bawag-Sache eine "Sauerei" war. Sogar in der Wortwahl ist man
synchron. Darüber, dass Verzetnitsch als der Hauptschuldige
ausgemacht wird, sind sich schon nicht mehr alle so einig. Viele
fühlen mit Tirols schwarzem Gewerkschaftsurgestein Fritz Dinkhauser,
der wie immer sagt, was er denkt, und zwar, dass man sich offenbar
auf Verzetnitsch als Sündenbock konzentriere, um wieder zur
Tagesordnung übergehen zu können.
Die Betriebsräte und Funktionäre sind hin und her gerissen zwischen
Wut darüber, dass die Gewerkschaftsspitze die Arbeitnehmervertretung
in dieses Desaster geführt hat, und dem Gefühl, eng zusammenrücken zu
müssen, um der Bedrohung gewachsen zu sein.
Das Problem ist jedoch die Bedrohung von innen. Das, was der
Bawag-Aufsichtsratsverein gestern in Sachen Bawag konstatierte, dass
es nämlich keine Geheimnisse zwischen Vorstand und Aufsichtsrat geben
dürfte, gilt im selben Maße für die Spitze des ÖGB: Zwischen
Präsidium und Kontrollausschuss des Bundesvorstandes darf es keine
Geheimnisse geben. Zwischen einzelnen Präsidiumsmitgliedern schon gar
nicht. Das setzt voraus, dass man einander traut.
Sozialdemokraten und Christdemokraten trauten einander jedoch
zumindest auf Bundesebene keinesfalls. Der Präsident war rot, der
Vorsitzende des Kontrollausschusses ebenfalls. Doch auch mit dem
Vertrauen in den eigenen Reihen war es nicht weit her:
Vorsichtshalber wurde die Kontrollinstanz vom Präsidenten und seinem
Finanzmann nicht einmal ignoriert.
Die Krise schweißt die Fraktionen zusammen und sie macht hoffentlich
auch denen, die inbrünstig mauern, bewusst, dass Kontrolle auch
befreit: Der Zwang zur Auseinandersetzung vor Entscheidungen
vermindert das Risiko, zu irren und bindet Kontrollierende in die
Verantwortung ein.
Das Problem, das die Gewerkschaft an der Basis hat, ist Auswuchs
eines gesellschaftlichen Prozesses: Der ÖGB ist als Bewegung
konzipiert, der Durchschnittsbürger will aber zunehmend nicht
bewegen, sondern bewegt werden. Interessenvertretung wird als Service
beansprucht, nicht als Anliegen vorangetragen.
An der Spitze geht es oft nur noch darum, wer über welche Macht
verfügt. Das Korrektiv müsste die fordernde Basis sein, aber die
bricht weg oder dockt nie an.
Von denen, die er vertritt, wieder angenommen und gefordert zu
werden, darin liegt die zentrale Herausforderung an den ÖGB. ****
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