"Kleine Zeitung" Kommentar: "Er sät in die Furchen, die sein Vorgänger aufgerissen hat" (Von Hans Winkler)

Ausgabe vom 19.04.2006

Graz (OTS) - Als die Kardinäle vor einem Jahr einen Papst zu wählen hatten, mussten sie nicht lange suchen. In wenigen Wahlgängen einigten sie sich auf den Dekan des Kollegiums, der die Kirche souverän durch die Übergangszeit seit dem Tod von Johannes Paul II. gesteuert hatte: Joseph Ratzinger.

Obwohl Ratzinger 78 Jahre alt war, hatten die Kardinäle offensichtlich keine Übergangslösung im Sinn. Übergang - zu wem auch? Wenn es den Mann und die kirchenpolitische Richtung gäbe, die gemeint gewesen wären, dann hätten sie ihn auch gleich wählen können.

So sehr die Kirche von den sozialen Problemen etwa Lateinamerikas bewegt ist, schien den Kardinälen doch die größere Herausforderung in der heutigen Welt woanders zu liegen: In der Abkehr vieler Menschen gerade auch in den hochentwickelten westlichen Ländern von der Kirche und damit einem verbindlichen Glauben überhaupt.

Gegen diesen "Relativismus", der alles mit allem für vereinbar hält, wenn es nur gut gemeint ist, hatte der Theologe Ratzinger immer argumentiert. Seine Unbedingtheit in der Verteidigung dieses Anspruchs hat ihm viele Feinde gemacht, ihm aber auch zunehmend Anerkennung als jemandem verschafft, der das Christliche verlässlich deutet. Seine erste Enzyklika "Gott ist die Liebe" ist gewissermaßen die Summe aus diesem Lebenswerk. Vom angeblich unbarmherzigen Inquisitor ist da keine Spur.

In der Ökumene ist Benedikt die Orthodoxie eindeutig wichtiger als ihm die Kirchen der Reformation sind. Ob er damit eine Annäherung an deren Praxis verheirateter Priester und eine Möglichkeit zur Ehescheidung sucht, wie manche vermuten, darf bezweifelt werden. Eher dürfte er eine Einheit der Kirchen zuerst dort suchen, wo es keine fundamentalen theologischen Differenzen gibt.

Die Kardinäle scheinen auch nicht die Absicht gehabt zu haben, jemanden zu wählen, der jene "Strukturreformen" unternimmt, die in Mitteleuropa soviel Aufmerksamkeit beanspruchen. Auch die Reform der römischen Kurie, die allgemein erwartet wird, zeichnet sich noch nicht ab.

Benedikt XVI. machte im ersten Jahr gar nicht den Versuch, sein Amt auf die Weise des Vorgängers zu führen. Schon seine angegriffene Gesundheit verbietet ihm den bisweilen hektischen Aktivismus von Johannes Paul II. Dass er auch mit seinem zurückhaltenderen Wesen die Menschen bewegen kann, hat er beim Weltjugendtag in Köln gezeigt.

Mit stiller Nachhaltigkeit sät er in die Furchen, die sein Vorgänger aufgerissen hat. ****

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