• 14.04.2006, 17:29:23
  • /
  • OTS0091 OTW0091

Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Hoffen wider alle Vernunft?

Wien (OTS) - Ostern, nicht Weihnachten, ist für die Christen der
Höhepunkt des Jahres. Aber das wissen in einer säkularisierten
Gesellschaft nur noch wenige. Immer mehr Menschen können weder das
Vaterunser noch wissen sie, worum es zu Ostern geht. Um Eier oder um
Hasen - oder nur um eine Förderung für den Tourismus?

Österreichs katholische Kirche hat die dürren Jahre überstanden,
in die sie durch die unglückseligen Bischöfe Groer und Krenn geraten
war. Eine wirkliche Rückkehr zum Christentum zeichnet sich aber weit
und breit nicht ab. Dieses wird stattdessen zunehmend zum Rohstoff
obskurer Phantasiegebilde, wie dem Da-Vinci-Code oder der aktuellen
These, dass Judas in Wahrheit der Gute in den Geschehnissen rund um
den Tod Jesu gewesen sei. Eine These, die sicher bald auf dem Bücher-
und Filmmarkt gewinnträchtig umgesetzt wird.

Nun gut. Dort wo es um die letzten - und ersten - Dinge geht, war
Fantastisches immer ein gutes Geschäft. Wer dafür bezahlt, ist selber
schuld. Weshalb aber geht es den klassischen Kirchen in vielen
Ländern immer schlechter? Anders gefragt: Was lehrt die Menschen
wieder Beten, bringt sie in die Kirchen?

Das sind erstens, wie wir wissen, immer Notzeiten gewesen - deren
Rückkehr niemand wünscht.

Das ist zweitens eine starke Identifikation mit dem nationalen
Schicksal eines Volkes gewesen, wie sie die katholische Kirche in
Polen, Irland oder Kroatien gelebt hat, auch die Protestanten in
Skandinavien oder die Orthodoxen in manchen osteuropäischen Ländern.
Gibt es aber keine Bedrohung der nationalen Identität mehr, verliert
diese Verbindungsfunktion an Bedeutung. In Mitteleuropa herrscht nur
noch die Sorge vor einer rapiden Islamisierung und Zuwanderung - als
deren Förderer aber von vielen einige kirchliche Organisationen
empfunden werden.

Interessanterweise sind aber etliche Gruppierungen erfolgreich,
die sich ganz von der Anpassung an die Moderne ab- und einem sehr
elitären (und minoritären) Christentum zugewandt haben.

Es gibt also keinen Königsweg in die Zukunft der Kirchen. Bleibt
also nur das alte christliche Gottvertrauen: Hoffen wider alle
Vernunft?

www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
mailto:[email protected]

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel