Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Hoffen wider alle Vernunft?

Wien (OTS) - Ostern, nicht Weihnachten, ist für die Christen der Höhepunkt des Jahres. Aber das wissen in einer säkularisierten Gesellschaft nur noch wenige. Immer mehr Menschen können weder das Vaterunser noch wissen sie, worum es zu Ostern geht. Um Eier oder um Hasen - oder nur um eine Förderung für den Tourismus?

Österreichs katholische Kirche hat die dürren Jahre überstanden, in die sie durch die unglückseligen Bischöfe Groer und Krenn geraten war. Eine wirkliche Rückkehr zum Christentum zeichnet sich aber weit und breit nicht ab. Dieses wird stattdessen zunehmend zum Rohstoff obskurer Phantasiegebilde, wie dem Da-Vinci-Code oder der aktuellen These, dass Judas in Wahrheit der Gute in den Geschehnissen rund um den Tod Jesu gewesen sei. Eine These, die sicher bald auf dem Bücher-und Filmmarkt gewinnträchtig umgesetzt wird.

Nun gut. Dort wo es um die letzten - und ersten - Dinge geht, war Fantastisches immer ein gutes Geschäft. Wer dafür bezahlt, ist selber schuld. Weshalb aber geht es den klassischen Kirchen in vielen Ländern immer schlechter? Anders gefragt: Was lehrt die Menschen wieder Beten, bringt sie in die Kirchen?

Das sind erstens, wie wir wissen, immer Notzeiten gewesen - deren Rückkehr niemand wünscht.

Das ist zweitens eine starke Identifikation mit dem nationalen Schicksal eines Volkes gewesen, wie sie die katholische Kirche in Polen, Irland oder Kroatien gelebt hat, auch die Protestanten in Skandinavien oder die Orthodoxen in manchen osteuropäischen Ländern. Gibt es aber keine Bedrohung der nationalen Identität mehr, verliert diese Verbindungsfunktion an Bedeutung. In Mitteleuropa herrscht nur noch die Sorge vor einer rapiden Islamisierung und Zuwanderung - als deren Förderer aber von vielen einige kirchliche Organisationen empfunden werden.

Interessanterweise sind aber etliche Gruppierungen erfolgreich, die sich ganz von der Anpassung an die Moderne ab- und einem sehr elitären (und minoritären) Christentum zugewandt haben.

Es gibt also keinen Königsweg in die Zukunft der Kirchen. Bleibt also nur das alte christliche Gottvertrauen: Hoffen wider alle Vernunft?

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