• 31.03.2006, 18:24:51
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Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Die Welten-Deuter

Da das Ranking nicht von "News" stammt, sondern von "Cicero", dem
besten Magazin im deutschen Sprachraum, ist es wert, genauer
betrachtet zu werden. "Cicero" hat an Hand der Zitierungen durch
Dritte gezählt, wer die "deutungsmächtigsten" deutschsprachigen
Zeitgenossen sind.

Dieses Intellektuellen-Listing ergibt ein ziemlich beklemmendes
Bild: Wir lassen uns die Welt nicht von Natur-, Wirtschafts-,
Geschichts- und anderen Wissenschaftern erklären, sondern von: Günter
Grass, Harald Schmidt, Marcel Reich-Ranicki, Martin Walser, Peter
Handke, Jürgen Habermas, Wolf Biermann, Elfriede Jelinek, Alice
Schwarzer und Botho Strauß (die ersten 10 von 500 Plätzen).
Die Liste demonstriert anschaulich das Elend der "intellektuellen"
Debatte in Deutschland und Österreich. Wie in Platons Höhlengleichnis
glauben wir an die Schatten und wenden den Kopf von der Realität ab.
Künstler, Liedermacher, Nonsens-Moderatoren: Sie zeichnen in den
Köpfen der Menschen die Bilder der Wirklichkeit - von der die
vortragenden Meister der Phantasie und Kreativität oft selbst keine
Ahnung haben, weil sie ihnen zu kompliziert ist. So wie den
Konsumenten ihrer Werke.

Ich gebe zu, bei Reich-Ranicki wie auch bei Schmidt zumindest zehn
Minuten zu verweilen, wenn ich beim Fernseh-Zappen auf sie stoße. Ich
halte beide für sympathisch und witzig - aber nicht für Welterklärer.
An der Spitze der Liste liegt mit Grass ein (an sich packender)
Romancier, dessen Beiträge zur Welterklärung aber nicht über das
Niveau eines Stammtischparteipolitikers hinausgehen. Dahinter findet
sich etwa mit Handke der Propagandist eines Massenmörders, welcher
die Hauptschuld an mehr als 200.000 Toten in den Balkankriegen trägt.

Vielleicht liegt die Ursache des Dilemmas aber gar nicht in der
Überbewertung des Fiktiven, sondern darin, dass es der Wissenschaft
nicht mehr gelingt die Wirklichkeit zu deuten, weil sie zu
zerstritten ist, weil sie sich von Parteien instrumentalisieren lässt
- oder weil sie nicht mehr imstande ist, sich verständlich
auszudrücken.

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
mailto:[email protected]

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