• 25.03.2006, 19:18:49
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die verratene Generation" (Von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 26.03.2006

Graz (OTS) - Frankreich wird wieder einmal vom revolutionären
Fieber geschüttelt. Studenten und Schüler ziehen durch die Straßen,
besetzen die Universitäten. Sie suchen die Kraftprobe mit der
Regierung. Vieles erinnert an den Aufstand der Studenten im Mai 1968,
als Paris brannte und Präsident Charles de Gaulle, der Übervater der
Nation, nach einem verlorenen Referendum keinen Ausweg sah als den
Rücktritt.

Die Schockwellen, die von Frankreich ausgingen, wälzten Europa um.
Neue Freiheiten erfassten alle Bereiche der Gesellschaft. Noch heute
spricht man von der 68er-Generation, wenn man dieses Lebensgefühl
beschreiben will, das sich freilich längt von anarchisch und
emanzipiert zu elitär und etabliert gewandelt hat.

Heute geht es vordergründig gegen mehr Freiheit. Der französische
Ministerpräsident Dominique de Villepin wollte den Kündigungsschutz
für Berufsanfänger kippen, weil er glaubt, die hohe
Jugendarbeitslosigkeit senken zu können, wenn die Unternehmer nicht
fürchten brauchen, Versager auf Dauer behalten zu müssen. Der Protest
der Jugend richtet sich nicht nur gegen die arrogante Art, wie der
Regierungschef vollendete Tatsachen schaffen wollte, sondern auch und
vor allem gegen die Zumutung, dass auf ihrem Rücken die Last des
unfinanzierbar werdenden Sozialstaats abgeladen wird. Die Älteren
sollen alle Rechte behalten, samt den in Frankreich üppig
entwickelten Privilegien im Staatsdienst.

Ähnliche Verhältnisse gibt es in anderen Ländern Europas.
Scharfsinnige Beobachter wie der Journalist Frank Schirrmacher und
der Ex-Politiker Kurt Biedenkopf haben in Deutschland mit provokanten
Büchern ("Das Methusalem-Komplott" bzw. "Die Ausbeutung der Enkel")
für Aufregung gesorgt. Sie legten den Finger in die offene Wunde: Wie
kann eine alternde und schrumpfende Bevölkerung Wohlstand und
Sicherheit behaupten?

Der Befund unterscheidet sich in Frankreich, Deutschland, Italien und
Österreich kaum: Die 20-Jährigen haben immer geringere Chancen, eine
feste Stelle zu finden und müssen froh sein, einen Teilzeitjob, einen
Werkvertrag oder ein Praktikum zu ergattern. Gleichzeitig müssen sie
mithelfen, die Pensionen zu bezahlen, obwohl sie genau wissen, dass
sie im Alter nur eine Grundsicherung erhalten werden und deshalb
jetzt schon für eine private Vorsorge ansparen sollten.

Paris muss eine Warnung für die Politiker sein, bei den notwendigen
und unaufschiebbaren Reformen des Sozialstaats darauf zu achten, dass
alle Gruppen und Generationen ihren Beitrag leisten. Wenn sich die
Jugend verraten fühlt, könnte das revolutionäre Fieber überspringen.
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