"Kleine Zeitung" Kommentar: "Beim 'Fall Mayer' geht es doch längst nicht mehr um Mayer" (Von August Kuhn)

Ausgabe vom24.02.2006

Graz (OTS) - Auch der fünfte "Volltag" im Doping-Krimi dieser XX. Olympischen Winterspiele hatte ungeheuren Unterhaltungswert. Das liegt an den im Minutentakt auftauchenden Gerüchten und gezielt gestreuten Falschmeldungen.

Und an dummen Einschätzungen. Wie jener, die aber allen Ernstes im Österreich-Haus in Sestriere von nicht ganz unbedeutenden Funktionären unters Volk gebracht wurde: "Die anderen sind uns die vielen Medaillen zu neidig."

Das ist eine Fehleinschätzung, wie vieles andere auch. Es ist nicht Neid, der Österreichs Olympia-Team auf die Titelseiten der ausländischen Zeitungen und in die Schlagzeilen aller Nachrichtensender gebracht hat. Das verdanken wir der unglaublichen Arroganz und Ignoranz, die an den Tag gelegt wurde.

Natürlich wird immer wieder der "Fall Walter Mayer" aufgekocht -überall. Auch gestern, als Biathlon- und Langlauf-Renndirektor Markus Gandler die Verantwortung dafür auf sich nahm, dass der vom IOC bis 2010 gesperrte Trainer Mayer (mindestens) eine Nacht im Quartier seiner Schützlinge verbracht hat.

Keine Angst. Gandler übernimmt nur die Verantwortung, er denkt nicht daran, auch Konsequenzen zu ziehen.

Die Anwesenheit Mayers wurde von den Verantwortlichen der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) als Grund für die gemeinsam mit der italienischen Polizei durchgeführten Razzien in den österreichischen Privatquartieren genannt.

Doch das war nur ein Vorwand. IOC und WADA hatten die österreichischen Biathleten und Langläufer seit dem Tag im Visier, als ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel seinen Freund Mayer wieder in den Schoß des Schi-Verbandes aufnahm. Trotz dessen Sperre beim IOC und des schwebenden Verfahrens bei der FIS.

Dieses "Rückholaktion" war aus Sicht des IOC ein Provokation, die man nicht hinnehmen konnte.

Das ÖOC mit seinem schlauen Generalsekretär Heinz Jungwirth kam mit der Installierung einer Sonderkommission, die alle Fakten in diesem Doping-Krimi ans Tageslicht bringen soll, endlich aus der Deckung heraus. Das war notwendig und ist passiert, als der Hut schon lichterloh brannte. Der nächste Schritt muss sein, alles schonungslos aufzudecken.

Die Drohung, Österreich von Olympia auszusperren, war bestimmt überzogen. Realität ist, dass Österreichs Image im Ausland in diesen olympischen Tagen schwer beschädigt wurde. Im "Fall Mayer" geht es längst nicht mehr um Mayer.****

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