DER STANDARD-Kommentar "Gedränge auf dem Olymp" von Samo Kobenter

- Ausgabe 24.2.2006

Wien (OTS) - Das konnte ja nicht ausbleiben. Nachdem sich schon Bundeskanzler Wolfgang Schüssel eher nolens als volens vor Ort zur moralischen Instanz in Sachen Doping aufgeschwungen hatte, hat nun auch die SPÖ begriffen, dass sich aus dem Thema bequem politisches Kleingeld schlagen lässt: Die Forderung nach einem "strengen Anti-Doping- Gesetz" kostet nichts, lässt sich gut als Beharren auf einem redlichen Standpunkt vertreten - was natürlich impliziert, dass die Regierung bisher nicht redlich agiert hat und unterstellt, sie habe mit laschen Bestimmungen der Turiner Misere den Boden bereitet.

Beides stimmt so nicht und sieht über die Tatsache hinweg, dass der Politik der Sport grundsätzlich egal ist, es sei denn, sie kann sich in ein Siegerfoto hineinpressen. Der Deal zwischen Politik und Sport erschöpft sich in der wechselseitigen Bereitschaft, einander zu PR-Zwecken zur Verfügung zu stehen. Das funktioniert, solange die simple Vereinbarung unbelastet von den Nebenaspekten bleibt, die auch die Öffentlichkeit nicht interessieren - etwa dem des Zustandekommens der Siege und Rekorde, die ein kollektiv gelebter Chauvinismus hier zu Lande immer wieder in den Rang nationaler Charaktertugenden hebt.

Wenn die Politik dem Sport tatsächlich etwas Sinnvolles tun wollte, hätte sie jetzt die Gelegenheit. Sie könnte zum Beispiel die Abhängigkeiten der Sportler in einem System thematisieren, das die Höchstleistung als einzigen, weil materiell umsetzbaren Wert begreift und daraus die Frage des individuellen Preises dafür ableiten. Sie könnte die gesellschaftliche Fragwürdigkeit eines Leistungsbegriffs zur Disposition stellen, der ohne den massiven Einsatz stimulierender Drogen nicht einlösbar scheint: Aber das will ja niemand, weil es den Rahmen der Siegerbilder sprengen würde.

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