• 23.02.2006, 17:48:45
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DER STANDARD-Kommentar "Gedränge auf dem Olymp" von Samo Kobenter

- Ausgabe 24.2.2006

Wien (OTS) - Das konnte ja nicht ausbleiben. Nachdem sich schon
Bundeskanzler Wolfgang Schüssel eher nolens als volens vor Ort zur
moralischen Instanz in Sachen Doping aufgeschwungen hatte, hat nun
auch die SPÖ begriffen, dass sich aus dem Thema bequem politisches
Kleingeld schlagen lässt: Die Forderung nach einem "strengen
Anti-Doping- Gesetz" kostet nichts, lässt sich gut als Beharren auf
einem redlichen Standpunkt vertreten - was natürlich impliziert, dass
die Regierung bisher nicht redlich agiert hat und unterstellt, sie
habe mit laschen Bestimmungen der Turiner Misere den Boden bereitet.

Beides stimmt so nicht und sieht über die Tatsache hinweg, dass der
Politik der Sport grundsätzlich egal ist, es sei denn, sie kann sich
in ein Siegerfoto hineinpressen. Der Deal zwischen Politik und Sport
erschöpft sich in der wechselseitigen Bereitschaft, einander zu
PR-Zwecken zur Verfügung zu stehen. Das funktioniert, solange die
simple Vereinbarung unbelastet von den Nebenaspekten bleibt, die auch
die Öffentlichkeit nicht interessieren - etwa dem des Zustandekommens
der Siege und Rekorde, die ein kollektiv gelebter Chauvinismus hier
zu Lande immer wieder in den Rang nationaler Charaktertugenden hebt.

Wenn die Politik dem Sport tatsächlich etwas Sinnvolles tun wollte,
hätte sie jetzt die Gelegenheit. Sie könnte zum Beispiel die
Abhängigkeiten der Sportler in einem System thematisieren, das die
Höchstleistung als einzigen, weil materiell umsetzbaren Wert begreift
und daraus die Frage des individuellen Preises dafür ableiten. Sie
könnte die gesellschaftliche Fragwürdigkeit eines Leistungsbegriffs
zur Disposition stellen, der ohne den massiven Einsatz stimulierender
Drogen nicht einlösbar scheint: Aber das will ja niemand, weil es den
Rahmen der Siegerbilder sprengen würde.

Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

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