KOMMENTAR von Claudia Grabner: Narzisstisches Selbstbild

Klagenfurt (OTS) - Österreich darf endlich wieder Opfer sein! Darf über gemeine Verschwörungen wehklagen. Darf sich die Wunden lecken, die seinem narzisstischen Selbstbild zugefügt werden. Endlich hat Kanzler Schüssel guten Grund, sein Schweigegelübde zu brechen und sich staatstragendbeschützend vor sein Volk zu stellen: Kein Wahlkampfstratege hätte es vermocht, die Doping-Razzia-Affäre derart punktgenau zu landen. Ein Wahlkampfauftakt aus dem Märchenbuch.

Eines muss man Schüssel lassen: Der Mann ist unerschütterlich instinktsicher. Er weiß, wann er innenpolitische Affären kommentarlos zu durchtauchen hat; er weiß, wann er die Gunst der Stunde nützen muss. In Turin hat er sie genutzt. Hat - mit kräftiger Mithilfe einer ORF-Führung, die vorzeigt, wie ein Schwarz-Sender in der Praxis funktioniert - dem österreichischen Wir-sind-wir-Chauvinismus das Wort geredet und im ersten Reflex die Herzen der Rot-Weiß-Roten erwärmt.

Karl-Schranz-Affäre, Waldheim-Causa, EU-Sanktionen: Österreich demonstriert Raubtierqualitäten, so jemand wagt, seine Idylle der Unfehlbarkeiten anzupatzen. Zum Glück machen es uns die trotteligen Ausreden, die peinlichen Widersprüche, die atemberaubende Blauäugigkeit der vom Doping-Skandal betroffenen Personen schwer, uns in diesem Fall kopfüber in die kollektive Opferrolle zu stürzen.

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