"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Abschied vom Orakel" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 03.02.2006

Wien (OTS) - Die Finanzwelt muss sich umstellen: Alan Greenspan,
das Orakel von Washington, ist seit Mittwoch in Pension. Der schon zu Lebzeiten legendär gewordene Chef der amerikanischen Notenbank hat fast zwei Jahrzehnte lang mit komplizierten Wortschöpfungen und kryptischen Bemerkungen Zinsniveau und Dollarkurs gelenkt.
Er knüpft damit erfolgreich an das große Vorbild aller Propheten an:
Das Orakel von Delphi hat fast ein Jahrtausend lang mit geheimnisvollen und meist mehrdeutigen Weisheiten die damalige Weltpolitik maßgeblich beeinflusst.
Die Greenspan-Fans werden nicht müde, seine Verdienste zu preisen. Tatsächlich war der charismatische FED-Chef ruhender Pol die Weltwirtschaft in mehr als turbulenten Jahre: Erst die Mexiko- und die Asienkrise auf den Weltfinanzmärkten, dann der beispiellose Aktienboom, dem 2000 der Börsen-Crash folgte, unter dem die Börsen heute noch leiden und schließlich die Wirtschaftskrisen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und zuletzt die Verdreifachung des Ölpreises.
Der Rücktritt des immerhin 79jährigen Finanzmagiers kennzeichnet in mehrfacher Hinsicht einen Wendepunkt. Sein Nachfolger Ben Bernanke hält wenig von kryptischen Worten. Er zieht klare Worte vor, auch wenn das in der schillernden Finanzwelt langweilig wirken mag. Und er muss die US-Wirtschaft jetzt mit sicherer Hand aus kräftigen Turbulenzen führen. Nach der Aktienblase boomen jetzt die Immobilienmärkte - nicht zuletzt deshalb, weil viele Amerikaner sich dank der extrem niedrigen Zinsen beim Hauskauf über beide Ohren verschuldet haben.
Wenn die Zinsen jetzt weltweit steigen, bleibt den US-Bürgern noch weniger Geld für den normalen Konsum. Dazu kommen noch ein riesiges Budget- und ein besorgniserregend hohes Leistungsbilanzdefizit des Staates. Alan Greenspans Niedrigzinspolitik ist daran alles andere als unschuldig.
Auf Ben Bernanke kommen also schwere Zeiten zu. Er muss die Defizite bekämpfen, darf aber Konsum und Konjunktur nicht abwürgen. Der neue Notenbankchef wird zeigen müssen, dass man auch ohne "konstruktive Zweideutigkeit" und "irrationale Überschwänglichkeit" erfolgreich Finanzpolitik machen kann.
Wie weit ihm das gelingt, bleibt abzuwarten. Wir leben in einer Zeit, in der die Börsen und Finanzmärkte hektisch auf Wortspiele oder sogar auf den wechselnden Gesichtsausdruck von Männern wie Alan Greenspan reagieren. Es braucht gute Nerven und auch eine Portion Charisma, um neben den unvermeidbaren Showelementen die strategischen Ziele im Auge zu behalten.

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