- 25.01.2006, 21:20:59
- /
- OTS0317 OTW0317
"Kleine Zeitung" Kommentar: "Liebe ist möglich: Der Heilige Vater als sanfter Sinnstifter" (von Stefan Winkler)
Ausgabe vom 26.01.2006
Graz (OTS) - Der Papst hat über die Liebe nachgedacht,
herausgekommen ist eine Enzyklika, deren Anfangsworte zugleich ihr
Inhalt sind: "Deus caritas est", das ist eine Grundsatzerklärung, mit
der Benedikt XVI. nicht nur die Leitplanken seines Pontifikats
einschlägt, sondern aus dem Schatten seines großen Vorgängers tritt.
Anders als Johannes Paul II., der 1979 vor dem Hintergrund des Kalten
Krieges und des Freiheitskampfes der polnischen
Untergrundgewerkschaft Solidarnosc in seinem ersten Lehrschreiben
"Redemptor Hominis" das endzeitlich aufgeladene Bild einer in
Umweltverschmutzung und Kriegen erstarrten Welt entwarf, in welcher
er selbst politischer Akteur sein wollte, widmet sich Benedikt in
seiner ersten Enzyklika der Introspektion. Sein Interesse gilt der
Substanz des Christentums: des mystischen Beziehungsgeflechts
zwischen göttlicher und menschlicher Liebe.
Was ist Liebe? Diese Frage ist so alt wie die Menschheit. Ohne Liebe
kann kein Mensch leben, wenigstens nicht so, dass das Leben seinen
Namen verdiente. Doch wie lebt man die Liebe? Benedikts Antwort ist
so simpel wie radikal: "Deus caritas est" - Gott ist die Liebe",
beginnt er sein Schreiben und bricht damit das Christentum in drei
Worten auf seine elementarste Botschaft herunter.
Nicht Weltpolitik, Sittenverfall, Globalisierung, Neoliberalismus,
Verhütung oder Zölibat setzt der Papst an den Anfang seiner
Enzyklika, sondern Gott.
Das zeigt, dass Joseph Ratzinger sich treu geblieben ist. Der
Pontifex ist kein anderer als der Theologieprofessor und der strenge
Hüter der Glaubenswahrheit, etwas sanfter im Ton vielleicht, aber
hart in der Sache. Selbst dort, wo er mit der körperfeindlichen
Interpretation des Evangeliums aufräumt und zugibt, dass sich Eros,
die begehrende, und Agape, die sich schenkende Liebe, nie ganz
voneinander trennen lassen, fügt er wie selbstverständlich hinzu,
dass der zum Sex degradierte Eros zur Ware verkomme.
Auch an Konkretheit im Politischen lässt er es nicht fehlen, etwa
wenn er dem allfürsorgenden Staat eine Absage erteilt. So wie der
Christ sich im Streben nach einer gerechten Gesellschaft nicht im
politischen Kampf verlieren dürfe, muss der Staat, will er nicht
"Räuberbande" sein, dem Individuum Raum für selbstlose "Caritas"
lassen.
Als konservativer Sinnstifter in einer sinnentleerten Welt versteht
sich dieser Papst. Er setzt die alten Weisheiten der Kirche gegen die
geistige Ödnis und seelische Unbehaustheit der Moderne. Benedikt hat
seine Rolle gefunden. ****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
mailto:[email protected]
http://www.kleinezeitung.at
OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ






