WirtschaftsBlatt Kommentar vom 20.1.2006: Die Gallier aus dem steirischen Ennstal - von Arne Johannsen

Wien (OTS) - Ein japanischer Bilanzskandal bringt weltweit die Börsen ins Rutschen. Mega-Konzerne kaufen rund um den Erdball alles zusammen, was nicht fest angeschraubt oder ohnehin schon pleite ist. Die Wirtschaft wird immer globaler, nur die Grossen haben noch eine Chance, zu überleben. Weltweit dominiert das Big Business. Wirklich weltweit? Nein, im steirischen Ennstal leisten einige hundert Landwirte erfolgreich Widerstand gegen die Globalisierung.
Doch anders als die kampfeslustigen Gallier rund um die Comic-Figuren Asterix und Obelix, die sich mit hohem Spass und Erfolgsfaktor gegen die übermächtigen römischen Legionen wehren, kämpft die Landgenossenschaft Ennstal nicht gegen die Globalisierung, sondern nutzt sie.
Ihr Zaubertrank heisst Flexibilität und Dienstleistung. Das Unternehmen nutzt die Chancen, die entstehen, weil grosse Nahrungsmittel-Multis, selber Getriebene im eigenen Spiel, in immer grösseren Dimensionen denken und handeln müssen. Konzerne wie Unilever verstehen sich zunehmend als reine Marketing- und Verkaufsorganisationen, für die Produktionsstandorte nur Störfaktoren sind. So fallen reihenweise Produkte und Herstellungsbetriebe mangels Masse aus den Konzern-Organigrammen unten heraus - diese einzusammeln kann ein lohnendes Geschäft sein, wie die Steirer eindrucksvoll beweisen. So kommen aus ihren Töpfen mittlerweile Knorr-Suppen und "Iss was G’scheits"-Iglo-Produkte, auch "Die leichte Muh" und Landena sind made in Styria.
Zudem profitieren die Steirer vom Trend der grossen Supermarktketten, immer mehr auf eigene Handelsmarken zu setzen. So ist man jetzt Lieferant für die Bio-Milch von Spar, der deutsche Diskonter Aldi wird mit Sugo und Pesto beglückt, und die Schnitzel in allen österreichischen Hofer-Filialen kommen auch aus der Steiermark. Mit diesen diskreten Aktivitäten hat sich das Unternehmen mittlerweile zu einem der grössten Lebensmittelproduzenten Österreichs entwickelt. Mit rund 240 Millionen Euro setzen die Ennstaler bereits deutlich mehr um als der Gigant Nestlé in Österreich. Doch "Produzent" ist hier ein irreführender Begriff: In Wahrheit sind die Ennstaler ein produzierender Dienstleister.
Dass ausgerechnet eine 1902 gegründete ländliche Genossenschaft zu den Gewinnern der modernen Wirtschaft gehört, ist mehr als eine humoristische Anekdote am Rande. Es sollte all jenen Mut machen, die glauben, nur die Grossen haben in der grossen Welt eine Chance.

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