• 15.01.2006, 17:43:35
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"Die Presse" Leitartikel: "Sperrstunde der Wahrheit" (von Gerhard Hofer)

Ausgabe vom 16.1.2006

Wien (OTS) - Woher kommt es, dass in einem Tourismusland der
Tourismus einen so niedrigen sozialen Stellenwert hat?
Jetzt wird wieder gejubelt über den österreichischen Fremdenverkehr.
Sobald der erste Schnee fällt, sind wir in Re kordlaune. Dann
sind wir das Wintersportland Nummer eins. Da gibt es nur Positives
über den Tourismus zu berichten. Etwa, dass wir diesen Winter wieder
einen neuen Nächtigungsrekord aufstellen werden. Mehr als 60
Millionen Übernachtungen werden wir haben. Und der Umsatz werde um
mindestens fünf Prozent steigen, prognostizieren Wissenschaftler.
Oder dass immer mehr Gäste aus Osteuropa bei uns Urlaub machen. 3,3
Millionen Menschen aus Ungarn, Tschechien oder Russland werden über
unsere Pisten flitzen. Und sie werden nicht knausrig sein. Es heißt,
dass ein russischer Gast viermal so viel Geld im Urlaub ausgibt wie
ein Deutscher oder Österreicher.
Manchmal hat man den Eindruck, Österreich ist im Ausland als
Tourismusland beliebter als in Österreich selbst. Denn sobald die
Wintersaison vorbei ist - das kann man jetzt auch schon
prognostizieren, ohne dabei ein Wissenschaftler sein zu müssen -,
sobald der Schnee geschmolzen ist, ist die freundliche Stimmung im
und über den heimischen Tourismus Schnee von gestern.
Dann dreht sich nämlich ganz schnell der Wind. Und aus einem der
wichtigsten Wirtschaftszweige, der immerhin mehr als sechs Prozent
zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt, wird eine
"Job-Vernichter-Branche". Spätestens im Mai. Wenn die
Arbeitslosenstatistik traditionell viele Tourismus-Mitarbeiter
ausweist, wird es wieder so weit sein. Natürlich wäre es toll, würden
die Hotels und Gasthäuser in den Tourismuszentren das ganze Jahr über
offen haben. Genauso wie es schön wäre, würde die Baubranche den
Winter durcharbeiten und ihre Leute nicht stempeln schicken. Aber
kein Politiker würde es wagen, den Bausektor als
Jobvernichter-Branche zu brandmarken. Woher also kommt unser
ambivalentes Verhältnis zum Tourismus?

Zum einen kommt es sicher davon, dass im Tourismus viele Saisonniers
beschäftigt werden. Leute, die den Österreichern die Jobs wegnehmen,
heißt es immer. Mittlerweile sind es nicht die Beschäftigten aus den
Nicht-EU-Staaten, welche die Gemüter erhitzen. Immer mehr Menschen
aus Deutschland, vorwiegend aus dem Gebiet der ehemaligen DDR kommen
zu uns, um im Tourismus Geld zu verdienen. Nicht weil sie weniger
Lohn verlangen als ihre österreichischen Kollegen.
Vielmehr erlauben es die sogenannten Zumutbarkeitsbestimmungen, dass
ein arbeitsloser Kellner oder Koch in Wien einen Arbeitsplatz in
Tirol oder Salzburg nicht annehmen muss. Und so sind es halt Leute
aus Sachsen und Brandenburg, die dann bei uns zur "Zumutung" gesehen
werden. Anstatt ihre vorbildliche Arbeitseinstellung zu loben.
Wenn man sich zurückerinnert, was auf politischer Ebene im
vergangenen Jahr in Sachen Tourismuswirtschaft und Gastronomie
gemacht wurde, dann fällt einem vor allem eine Aktion des
Finanzministers ein: Die Trinkgeldsteuer. Zum Glück ist diese
Schnapsidee nicht umgesetzt worden. Doch alleine das Ansinnen, in
einem Tourismusland jene Beschäftigten, die am härtesten dran kommen
auch noch steuerlich zu bestrafen, zeigt den gesellschaftlichen
Stellenwert dieser Branche.
Ein positiverer Zugang in der öffentlichen und politischen Diskussion
wäre höchst an der Zeit. Das heißt natürlich nicht, dass man alles
Schlechte einfach unter den Teppich kehrt. Natürlich gibt es auch im
Tourismus Unternehmer, die ihre Mitarbeiter schlecht behandeln, die
Schwarzarbeiter beschäftigen und Ruhensbestimmungen nicht einhalten.
Das gehört abgestellt, keine Frage. Aber es gehört nicht
verallgemeinert.

Bei all der angebrachten Kritik gewinnt man hierzulande immer mehr
den Eindruck, dass Kellner, Koch oder gar Küchengehilfe in der
sozialen Hierarchie einen ähnlichen Stellenwert wie die
Kleinkriminalität genießen. Es scheint sich die Auffassung gefestigt
zu haben, dass es einem halbwegs normalen Menschen nicht zuzumuten
sei, an Wochenenden oder abends zu arbeiten. Erzählt einer, er
arbeitet im Gastgewerbe, bekommt er oft die Frage gestellt, ob er
sich nicht einen "ordentlichen Job" suchen wolle?
Die miserable Akzeptanz der Tourismuswirtschaft in einem
Tourismusland wie Österreich ist beschämend. Immerhin sind 160.000
Menschen direkt im Tourismus beschäftigt. 750.000 verdanken ihren Job
in großem Ausmaß dem Fremdenverkehr.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

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