"Kleine Zeitung" Kommentar: "Warum es in der Kunst immer wieder "Skandale" geben wird" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 29.12.2005

Graz (OTS) - Am 25. Juni 1983 schnitt sich der damals 29-jährige Berliner Rainald Goetz in Klagenfurt mit einer Rasierklinge in die Stirn. Vor laufenden TV-Kameras, denn Goetz war einer der Bewerber des Ingeborg-Bachmann-Preises.

Das Ergebnis: Wenigstens ein paar Tage lang war der bis dahin mäßig bekannte Literat in aller Munde und in allen Medien. Was er mit seinem durchaus markanten Text allein vermutlich nicht geschafft hätte, der nun aber ebenfalls breitere Aufmerksamkeit erfuhr.

Dieses kleine Beispiel illustriert, welchen Stellenwert der so genannte Skandal in der Kunst hat. Dankbar schnappt eine Öffentlichkeit, die sonst mit Kunst wenig am Hut hat, nach ihren Erregungshäppchen. Je nach medialer Stimmungslage werden die Urheber zu Clowns oder Helden hoch geschrieben. Auch die Kunstbranche selbst nährt sich immer weniger zögerlich aus diesem System: Damien Hirst steckte ganze Haie und halbierte Kühe in Formaldehyd und wurde zum Darling der internationalen Galerieszene.

Regisseur Christoph Schlingensief "tötete" so lange deutsche Kanzler und heimische Asylwerber, bis ihn Wolfgang Wagner nach Bayreuth, den Hort des Behütens, holte.

Und der ständige Vorwurf, dem sich Intendanten des nationalen Experimentierfestivals "steirischer herbst" ausgesetzt sahen, war, dass mangels an Skandalen der "herbst" auch nichts mehr tauge. - Oder wie es der Kulturwissenschaftler Heinz Steinert ausdrückte: "Am unerfreulichsten ist der Kunstskandal, der ausbleibt."

Das andere Thema ist Kultur und Politik: Letztere hat die Freiheit der Kunst in die Verfassung geschrieben und parfümiert sich zudem auch immer wieder gern mit ihr. Mangels ästhetischem Alltagsdiskurs wird Kunst aber immer nur dann ein politisches Thema, wenn sie provoziert. Und dann schreit die Politik um Hilfe.

Was im vorliegenden Fall nur an der (ver)öffentlich(t)en Präsentation liegt: Carlos Aires' vermeintliches Polit-Porno-Trio würde in einer Galerie ein paar amüsierte Seitenblicke auslösen. Wird es einer unvorbereiteten Öffentlichkeit sozusagen um die Augen geschlagen, ist eine gewisse Entrüstung nachvollziehbar.

Zum Lachschlager mutiert aber das Ganze, wenn die Kronen Zeitung in diesem Zusammenhang einen weiblichen Unterleib im Bikini geißelt, auf dem ein paar EU-Sterne leuchten: Das nämliche Motiv ("Der Ursprung der Welt") hat Gustave Courbet 1866 gemalt - ohne Bikini, ganz nackt. Es hängt heute im Musee d'Orsay in Paris. Jacques Chirac wird es sicher kennen. ****

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