• 28.12.2005, 21:02:56
  • /
  • OTS0153 OTW0153

"Kleine Zeitung" Kommentar: "Warum es in der Kunst immer wieder "Skandale" geben wird" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 29.12.2005

Graz (OTS) - Am 25. Juni 1983 schnitt sich der damals 29-jährige
Berliner Rainald Goetz in Klagenfurt mit einer Rasierklinge in die
Stirn. Vor laufenden TV-Kameras, denn Goetz war einer der Bewerber
des Ingeborg-Bachmann-Preises.

Das Ergebnis: Wenigstens ein paar Tage lang war der bis dahin mäßig
bekannte Literat in aller Munde und in allen Medien. Was er mit
seinem durchaus markanten Text allein vermutlich nicht geschafft
hätte, der nun aber ebenfalls breitere Aufmerksamkeit erfuhr.

Dieses kleine Beispiel illustriert, welchen Stellenwert der so
genannte Skandal in der Kunst hat. Dankbar schnappt eine
Öffentlichkeit, die sonst mit Kunst wenig am Hut hat, nach ihren
Erregungshäppchen. Je nach medialer Stimmungslage werden die Urheber
zu Clowns oder Helden hoch geschrieben. Auch die Kunstbranche selbst
nährt sich immer weniger zögerlich aus diesem System: Damien Hirst
steckte ganze Haie und halbierte Kühe in Formaldehyd und wurde zum
Darling der internationalen Galerieszene.

Regisseur Christoph Schlingensief "tötete" so lange deutsche Kanzler
und heimische Asylwerber, bis ihn Wolfgang Wagner nach Bayreuth, den
Hort des Behütens, holte.

Und der ständige Vorwurf, dem sich Intendanten des nationalen
Experimentierfestivals "steirischer herbst" ausgesetzt sahen, war,
dass mangels an Skandalen der "herbst" auch nichts mehr tauge. - Oder
wie es der Kulturwissenschaftler Heinz Steinert ausdrückte: "Am
unerfreulichsten ist der Kunstskandal, der ausbleibt."

Das andere Thema ist Kultur und Politik: Letztere hat die Freiheit
der Kunst in die Verfassung geschrieben und parfümiert sich zudem
auch immer wieder gern mit ihr. Mangels ästhetischem Alltagsdiskurs
wird Kunst aber immer nur dann ein politisches Thema, wenn sie
provoziert. Und dann schreit die Politik um Hilfe.

Was im vorliegenden Fall nur an der (ver)öffentlich(t)en Präsentation
liegt: Carlos Aires' vermeintliches Polit-Porno-Trio würde in einer
Galerie ein paar amüsierte Seitenblicke auslösen. Wird es einer
unvorbereiteten Öffentlichkeit sozusagen um die Augen geschlagen, ist
eine gewisse Entrüstung nachvollziehbar.

Zum Lachschlager mutiert aber das Ganze, wenn die Kronen Zeitung in
diesem Zusammenhang einen weiblichen Unterleib im Bikini geißelt, auf
dem ein paar EU-Sterne leuchten: Das nämliche Motiv ("Der Ursprung
der Welt") hat Gustave Courbet 1866 gemalt - ohne Bikini, ganz nackt.
Es hängt heute im Musee d'Orsay in Paris. Jacques Chirac wird es
sicher kennen. ****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
mailto:[email protected]
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel