• 22.12.2005, 17:50:00
  • /
  • OTS0165 OTW0165

"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Goldgräber im wilden Osten" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 23.12.2005

Wien (OTS) - Die Vorstandsdirektoren der Erste Bank dürfen sich
freuen. Die Mehrheit an der führenden rumänischen Bank zu bekommen,
ist ein schönes Weihnachtsgeschenk. Wobei Geschenk nicht ganz
wörtlich zu nehmen ist: Der Kaufpreis von 3,75 Milliarden Euro will
auch in einem Markt von 22 Millionen Menschen erst einmal verdient
sein. Ob das gelingt, wird man erst in fünf oder zehn Jahren wissen.
Die Chancen stehen gut. Die Oesterreichische Nationalbank hat erst
diese Woche dokumentiert, wie dick die elf heimischen Bankenkonzerne
verdienen, die sich rechtzeitig in Zentral- und Osteuropa
(CEE-Länder) eingekauft haben. Nicht weniger als 42 Prozent ihres
gesamten Betriebsergebnisses stammen von dort, obwohl der Anteil des
Ostgeschäfts an der Bilanzsumme nur 23 Prozent ausmacht.
Die Goldgräberstimmung dürfte noch einige Zeit anhalten. Die
Wirtschaft wächst in diesen Ländern überdurchschnittlich rasch, der
Bedarf an Bankdienstleistungen sogar noch schneller. Der
Wettbewerbsdruck ist gering und erlaubt hohe Verdienstspannen. Der
Spielraum für weitere Senkungen der Betriebskosten ist noch groß, vor
allem im Sachbereich und in der Organisation.
Die Risiken sind allerdings auch nicht zu unterschätzen. Die Bawag
ist erst vor wenigen Wochen in einem finanztechnisch zivilisierten
Land wie den USA mit einem Kredit von insgesamt 425 Millionen Euro
auf die Nase gefallen. Entsprechend leichter kann so etwas im immer
noch ziemlich "wilden Osten" passieren.
Die österreichische Bankenaufsicht tut zwar ihr Bestes, um auch bei
den Auslandstöchtern heimischer Geldinstitute nach dem Rechten zu
sehen. In den nächsten Tagen werden beispielsweise Experten unserer
Nationalbank nach Albanien reisen, um sich mit den dortigen Aufsehern
ein wenig abzustimmen. Raiffeisen hat mit seiner dortigen Tochterbank
immerhin einen Marktanteil von knapp 50 Prozent. Man kann nur hoffen,
dass die dortige Aufsicht auch tatsächlich korrekt, kompetent und
effizient ist oder wenigstens bald westlichen Standard erreicht.
Gefahr droht auch von einer anderen Seite. Bei Banken aus dem EU-Raum
wird vorausgesetzt, dass sie auch tatsächlich EU-Standard haben. Sie
dürfen beispielsweise ohne weitere Prüfung heimische Banken kaufen -
die Bank Burgenland etwa.
Rein theoretisch könnte also eine EU-konzessionierte lettische,
litauische oder zypriotische Bank viel Geld für ein österreichisches
Institut bieten. Auch wenn dahinter vielleicht weniger Vertrauen
erweckende ukrainische oder russische Eigentümer stecken, sind der
österreichischen Bankenaufsicht die Hände gebunden.
Ganz risikolos ist die Goldgräberei im Osten also nicht. Gute
Gewinnchancen werden im Wirtschaftsleben und bei der Geldanlage immer
mit entsprechend höherem Risiko erkauft. Allerdings gilt auch
umgekehrt: No risk, no fun. Bisher haben Spaß und Freude eindeutig
überwogen.

Rückfragehinweis:
Vorarlberger Nachrichten
Chefredaktion
Tel.: 0664/80588382

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PVN

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel