Zappelphilipp hat ADHS

Jedes zehnte Kind leidet unter dem Syndrom

Wien (OTS) - ADHS ist eine der häufigsten psychiatrischen Erkrankungen bei Kindern. Das Syndrom bringt zahlreiche Belastungen für die Familien der betroffenen Kinder mit sich. Mit einer individuell angepassten Behandlung lässt sich jedoch weitgehende Symptomfreiheit erreichen. Mag. Beate Hartinger vom Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger fordert mehr Schulpsychologen zur Früherkennung und Betreuung von ADHS-Kindern bereits im Schulalter. +++

Kinder, die durch ständige Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit auffallen, leiden meist an der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Kinder mit ADHS fallen häufig schon im Kindergarten auf und hinterlassen ihre Eltern meist ratlos, da viele nicht wissen, dass es sich dabei um eine eigenständige Störung handelt. Die Krankheit existiert kulturunabhängig, weltweit sind etwa acht bis zwölf Prozent aller Kinder betroffen. Die Hälfte davon hat auch noch im Erwachsenenalter Symptome, wie eine im Juli 2005 publizierte Studie der Pediatric Psychopharmacology Unit of the Child Psychiatry Service, Massachusetts General Hospital und Harvard Medical School, Boston ergeben hat. "ADHS ist eine der häufigsten psychiatrischen Erkrankungen der Kindheit. In einer Schulklasse sitzen im Schnitt ein bis zwei betroffene Kinder", weiß der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Wolfgang Kaschnitz, Leiter der Psychosomatischen Ambulanz, Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz.

"Interessant dabei ist, dass die Krankheit an sich nicht zunimmt, aber die betroffenen Kinder leiden an immer stärkeren Symptomen als etwa noch vor zwanzig Jahren. Grund dafür sind gesellschaftliche Einflüsse wie Reizüberflutung durch die Medien oder Eltern, die wenig Zeit für ihr Kind haben und es dadurch früh in die Selbständigkeit drängen. Ein "normales" Kind kann relativ gut damit umgehen, ein ADHS-Kind jedoch nicht", so Kaschnitz. "In den letzten Jahren hat sich das Bild der ADHS durch verstärkte Aufklärung deutlich gebessert: Früher wurden die Eltern an den Pranger gestellt, sie wurden bezichtigt, das Kind nicht im Griff zu haben und Erziehungsfehler zu machen. Heute weiß man, dass diese Erkrankung neurobiologische Grundlagen hat", so Kaschnitz.

ADHS-Kinder haben eine Reihe von Problemen

Bei der psychoorganischen Störung ADHS steht eine Reizselektionsstörung im Vordergrund. Die betroffenen Kinder fallen durch Unruhe und Konzentrationsschwierigkeiten auf, meist besteht auch ein verstärkter Bewegungsdrang. "Das ADHS-Kind nimmt alles gleichzeitig wahr, ist davon jedoch überfordert und reagiert mit Rückzug oder Aggressivität. Es kann die einzelnen Dinge, die auf es einströmen, nicht differenzieren. Daher sind diese Kinder auch unfallgefährdeter als andere Kinder: Zum Beispiel sehen sie im Straßenverkehr alles gleichzeitig und können nicht nach Wichtigkeit unterscheiden", berichtet die Psychotherapeutin Mag. Ingeborg Saval, Psychagogin im Rudolf-Ekstein-Zentrum in Wien. Erschwerend kommen häufig weitere Störungen hinzu, wie beispielsweise Depressionen, Angststörungen oder Entwicklungsstörungen wie Legasthenie. Störungen des Sozialverhaltens führen zu Problemen mit Gleichaltrigen, weshalb ADHS-Kinder häufig zu Außenseitern werden.

Wesentliche Risikofaktoren für die Entwicklung der ADHS sind einer im Juni 2005 veröffentlichten Studie der Department of Pediatric Psychopharmacology Research, Massachusetts General Hospital, Harvard Medical School, Boston, Massachusetts zufolge Schwangerschafts- und Entwicklungsstörungen, Rauchen während der Schwangerschaft sowie ein ungünstiges familiäres Umfeld mit einer niedrigen sozialen Stufe, einer großen Familiengröße und Kriminalität. "Die sozialen und pädagogischen Aspekte spielen eine große Rolle bei der Ausprägung der Erkrankung. Ein siebenjähriger, der auf sich alleine gestellt ist, wird sicher stärkere ADHS-Symptome entwickeln als ein Gleichaltriger, dem seine Eltern viel Zeit widmen", erklärt Kaschnitz.

70 Prozent der Betroffenen unbehandelt

Mit zunehmendem Alter wächst sich ADHS nicht einfach aus, wie vielfach angenommen wird. Oft sind auch im Erwachsenenalter noch Symptome vorhanden. "70 Prozent der Betroffenen bleiben unbehandelt. Mit einem individuell abgestimmten multimodalen Behandlungskonzept lassen sich jedoch gute Besserungen erzielen", so Saval. Dabei ist die Zusammenarbeit mit den Eltern, die durch ADHS meist schwer belastet sind, und den wichtigsten Bezugspersonen wie Geschwister oder Lehrer von großer Bedeutung. Auch eine intensive Unterstützung von pädagogischer Seite und Unterstützung vom Kinderpsychiater sind für den Erfolg ausschlaggebend. Die Therapie ist vom Alter und den persönlichen Vorlieben des Betroffenen abhängig und kann von Gesprächstherapie, kreativen Übungen, Aufstellungen mit Figuren bis hin zu Entspannungstraining gehen. Wesentlich ist auch ein begleitendes Familiencoaching, bei dem die Eltern Strategien erlernen, ihr Kind zu motivieren und es in seiner positiven Entwicklung zu sehen. "ADHS-Kinder haben spezielle Fähigkeiten, die man nutzen kann, in dem man schaut, wo sind die Stärken und Ressourcen des Kindes. Diese werden dann genutzt und in Erfolgstagebüchern aufgezeichnet. Bei den Schwächen wird geschaut, wie das Kind besser damit umgehen kann", so Saval. In schweren Fällen kann auch eine begleitende Medikamentöse Therapie Sinn machen. Durch die Therapie kann in vielen Fällen weitgehende Symptomfreiheit erreicht werden, aber in den seltensten Fällen heilt ADHS aus.

Hartinger: Psychologen statt Medikamente

Die stellvertretende Generaldirektorin des Hauptverbandes der Österreichischen Sozialversicherungsträger, Mag. Beate Hartinger, spricht sich dafür aus, dass nach einer Diagnostik der Arzt gemeinsam mit dem Psychologen alle Maßnahmen für und mit dem betroffenen Kind und dessen Eltern zu ergreifen hat, damit das Kind ohne medikamentöse Behandlung symptomfrei werden kann. "Erst wenn alle Maßnahmen nicht greifen, kann eine medikamentöse Therapie angedacht werden. Leider werden in unserer Gesellschaft Kinder viel zu früh als krank bezeichnet, was zur Folge hat, dass zuvor selten das ganze therapeutische Spektrum gänzlich ausgeschöpft wird und zu schnell Medikamente verschrieben werden," so Hartinger.

Tipps für Eltern und Lehrer

"Ich kann Lehrern, die ADHS-Kinder in ihrer Klasse haben nur raten, diese Kinder in die erste, nicht in die letzte Reihe zu setzen. Auf keinen Fall sollen sie sich auf einen Machtkampf mit diesen Kindern einlassen", empfiehlt Saval. Und weiter: "Eltern müssen ihren Kindern klare Regeln und Grenzen vorgeben, sie dürfen nicht ewig verhandeln. Eine liebevolle autoritäre Erziehung hilft dem Kind. Für das Zuhause und die Schule sollten gelten: Heiterkeit, Humor, Gelassenheit, Konsequenzen und Ruhe."

Hartinger für mehr Schulpsychologen

Insofern fordert Hartinger auch vehement mehr Schulpsychologen zur Früherkennung und Betreuung von ADHS-Kindern: "Diese Kinder leiden an und durch ihre Störung und werden von nur wenigen Personen wirklich verstanden. Daher kann der Einsatz von mehr Schulpsychologen bereits in den Volksschulen bzw. in den Kindergärten gezielt verhindern, dass Unverständnis zu Ausgrenzung führt," so Hartinger.

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