• 06.12.2005, 12:04:20
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Zappelphilipp hat ADHS

Jedes zehnte Kind leidet unter dem Syndrom

Wien (OTS) - ADHS ist eine der häufigsten psychiatrischen
Erkrankungen bei Kindern. Das Syndrom bringt zahlreiche Belastungen
für die Familien der betroffenen Kinder mit sich. Mit einer
individuell angepassten Behandlung lässt sich jedoch weitgehende
Symptomfreiheit erreichen. Mag. Beate Hartinger vom Hauptverband der
Österreichischen Sozialversicherungsträger fordert mehr
Schulpsychologen zur Früherkennung und Betreuung von ADHS-Kindern
bereits im Schulalter. +++

Kinder, die durch ständige Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit
auffallen, leiden meist an der
Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Kinder mit ADHS
fallen häufig schon im Kindergarten auf und hinterlassen ihre Eltern
meist ratlos, da viele nicht wissen, dass es sich dabei um eine
eigenständige Störung handelt. Die Krankheit existiert
kulturunabhängig, weltweit sind etwa acht bis zwölf Prozent aller
Kinder betroffen. Die Hälfte davon hat auch noch im Erwachsenenalter
Symptome, wie eine im Juli 2005 publizierte Studie der Pediatric
Psychopharmacology Unit of the Child Psychiatry Service,
Massachusetts General Hospital und Harvard Medical School, Boston
ergeben hat. "ADHS ist eine der häufigsten psychiatrischen
Erkrankungen der Kindheit. In einer Schulklasse sitzen im Schnitt ein
bis zwei betroffene Kinder", weiß der Kinder- und Jugendpsychiater
Dr. Wolfgang Kaschnitz, Leiter der Psychosomatischen Ambulanz,
Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz.

"Interessant dabei ist, dass die Krankheit an sich nicht zunimmt,
aber die betroffenen Kinder leiden an immer stärkeren Symptomen als
etwa noch vor zwanzig Jahren. Grund dafür sind gesellschaftliche
Einflüsse wie Reizüberflutung durch die Medien oder Eltern, die wenig
Zeit für ihr Kind haben und es dadurch früh in die Selbständigkeit
drängen. Ein "normales" Kind kann relativ gut damit umgehen, ein
ADHS-Kind jedoch nicht", so Kaschnitz. "In den letzten Jahren hat
sich das Bild der ADHS durch verstärkte Aufklärung deutlich
gebessert: Früher wurden die Eltern an den Pranger gestellt, sie
wurden bezichtigt, das Kind nicht im Griff zu haben und
Erziehungsfehler zu machen. Heute weiß man, dass diese Erkrankung
neurobiologische Grundlagen hat", so Kaschnitz.

ADHS-Kinder haben eine Reihe von Problemen

Bei der psychoorganischen Störung ADHS steht eine
Reizselektionsstörung im Vordergrund. Die betroffenen Kinder fallen
durch Unruhe und Konzentrationsschwierigkeiten auf, meist besteht
auch ein verstärkter Bewegungsdrang. "Das ADHS-Kind nimmt alles
gleichzeitig wahr, ist davon jedoch überfordert und reagiert mit
Rückzug oder Aggressivität. Es kann die einzelnen Dinge, die auf es
einströmen, nicht differenzieren. Daher sind diese Kinder auch
unfallgefährdeter als andere Kinder: Zum Beispiel sehen sie im
Straßenverkehr alles gleichzeitig und können nicht nach Wichtigkeit
unterscheiden", berichtet die Psychotherapeutin Mag. Ingeborg Saval,
Psychagogin im Rudolf-Ekstein-Zentrum in Wien. Erschwerend kommen
häufig weitere Störungen hinzu, wie beispielsweise Depressionen,
Angststörungen oder Entwicklungsstörungen wie Legasthenie. Störungen
des Sozialverhaltens führen zu Problemen mit Gleichaltrigen, weshalb
ADHS-Kinder häufig zu Außenseitern werden.

Wesentliche Risikofaktoren für die Entwicklung der ADHS sind einer
im Juni 2005 veröffentlichten Studie der Department of Pediatric
Psychopharmacology Research, Massachusetts General Hospital, Harvard
Medical School, Boston, Massachusetts zufolge Schwangerschafts- und
Entwicklungsstörungen, Rauchen während der Schwangerschaft sowie ein
ungünstiges familiäres Umfeld mit einer niedrigen sozialen Stufe,
einer großen Familiengröße und Kriminalität. "Die sozialen und
pädagogischen Aspekte spielen eine große Rolle bei der Ausprägung der
Erkrankung. Ein siebenjähriger, der auf sich alleine gestellt ist,
wird sicher stärkere ADHS-Symptome entwickeln als ein Gleichaltriger,
dem seine Eltern viel Zeit widmen", erklärt Kaschnitz.

70 Prozent der Betroffenen unbehandelt

Mit zunehmendem Alter wächst sich ADHS nicht einfach aus, wie
vielfach angenommen wird. Oft sind auch im Erwachsenenalter noch
Symptome vorhanden. "70 Prozent der Betroffenen bleiben unbehandelt.
Mit einem individuell abgestimmten multimodalen Behandlungskonzept
lassen sich jedoch gute Besserungen erzielen", so Saval. Dabei ist
die Zusammenarbeit mit den Eltern, die durch ADHS meist schwer
belastet sind, und den wichtigsten Bezugspersonen wie Geschwister
oder Lehrer von großer Bedeutung. Auch eine intensive Unterstützung
von pädagogischer Seite und Unterstützung vom Kinderpsychiater sind
für den Erfolg ausschlaggebend. Die Therapie ist vom Alter und den
persönlichen Vorlieben des Betroffenen abhängig und kann von
Gesprächstherapie, kreativen Übungen, Aufstellungen mit Figuren bis
hin zu Entspannungstraining gehen. Wesentlich ist auch ein
begleitendes Familiencoaching, bei dem die Eltern Strategien
erlernen, ihr Kind zu motivieren und es in seiner positiven
Entwicklung zu sehen. "ADHS-Kinder haben spezielle Fähigkeiten, die
man nutzen kann, in dem man schaut, wo sind die Stärken und
Ressourcen des Kindes. Diese werden dann genutzt und in
Erfolgstagebüchern aufgezeichnet. Bei den Schwächen wird geschaut,
wie das Kind besser damit umgehen kann", so Saval. In schweren Fällen
kann auch eine begleitende Medikamentöse Therapie Sinn machen. Durch
die Therapie kann in vielen Fällen weitgehende Symptomfreiheit
erreicht werden, aber in den seltensten Fällen heilt ADHS aus.

Hartinger: Psychologen statt Medikamente

Die stellvertretende Generaldirektorin des Hauptverbandes der
Österreichischen Sozialversicherungsträger, Mag. Beate Hartinger,
spricht sich dafür aus, dass nach einer Diagnostik der Arzt gemeinsam
mit dem Psychologen alle Maßnahmen für und mit dem betroffenen Kind
und dessen Eltern zu ergreifen hat, damit das Kind ohne medikamentöse
Behandlung symptomfrei werden kann. "Erst wenn alle Maßnahmen nicht
greifen, kann eine medikamentöse Therapie angedacht werden. Leider
werden in unserer Gesellschaft Kinder viel zu früh als krank
bezeichnet, was zur Folge hat, dass zuvor selten das ganze
therapeutische Spektrum gänzlich ausgeschöpft wird und zu schnell
Medikamente verschrieben werden," so Hartinger.

Tipps für Eltern und Lehrer

"Ich kann Lehrern, die ADHS-Kinder in ihrer Klasse haben nur
raten, diese Kinder in die erste, nicht in die letzte Reihe zu
setzen. Auf keinen Fall sollen sie sich auf einen Machtkampf mit
diesen Kindern einlassen", empfiehlt Saval. Und weiter: "Eltern
müssen ihren Kindern klare Regeln und Grenzen vorgeben, sie dürfen
nicht ewig verhandeln. Eine liebevolle autoritäre Erziehung hilft dem
Kind. Für das Zuhause und die Schule sollten gelten: Heiterkeit,
Humor, Gelassenheit, Konsequenzen und Ruhe."

Hartinger für mehr Schulpsychologen

Insofern fordert Hartinger auch vehement mehr Schulpsychologen zur
Früherkennung und Betreuung von ADHS-Kindern: "Diese Kinder leiden an
und durch ihre Störung und werden von nur wenigen Personen wirklich
verstanden. Daher kann der Einsatz von mehr Schulpsychologen bereits
in den Volksschulen bzw. in den Kindergärten gezielt verhindern, dass
Unverständnis zu Ausgrenzung führt," so Hartinger.

Rückfragehinweis:

Welldone Marketing- und Kommunikationsberatungsges.m.b.H.
   Manuela-Claire Warscher | Sylvia Goluch
   Public Relations
   Tel.: 01-402 13 41-24 od. 51
   E-Mail: [email protected] 
   Pressecorner: www.welldone.at

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