- 01.12.2005, 10:34:02
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Mangelware Orthopädie?
Innsbruck (OTS) - Im Rahmen der 28. Jahrestagung der
Österreichischen Gesellschaft für Orthopädie in Innsbruck hinterfragt
der Präsident der Gesellschaft, Prof. Dr. Martin Krismer, kritisch
die Situation der orthopädischen Versorgung in Österreich.
Im Lichte der Diskussion um die Gesundheitsreform und einer immer
älter werdenden Bevölkerung, der Hauptpatientengruppe für
Erkrankungen an Wirbelsäule und Bewegungssystem, stellt sich die
Frage einer Ressourcenverknappung.
Mangelware Orthopädie? Orthopädie ist jenes medizinische Fach, das
sich mit Abnützungserscheinungen und Überanstrengungen von Gelenken,
Muskeln, Knochen und der Wirbelsäule sowie mit Anomalien, wie z.B.
dem Hallux, sowie Tumoren an Wirbelsäule und Knochen, sowohl in der
Ausbildung als auch im beruflichen Alltag beschäftigt. Wer die
Orthopädie auf das bloße Einsetzen von künstlichen Gelenken
reduziert, macht einen schrecklichen Fehler, denn dieser Bereich
macht im Alltag der Spitäler weniger als 20% aller orthopädischen
Patienten aus. In den Krankenhäusern selbst leidet bereits heute
jeder zehnte aufgenommene Patient an einem orthopädischen
Krankheitsbild, in den Praxen der Ärzte ist es jeder fünfte. Und die
Tendenz ist bedingt durch die zunehmende Überalterung der
Gesellschaft stark steigend. Bedenkt man, dass heute, trotz der in
den letzten Jahren steigenden Anzahl an Fachärzten und Einrichtungen,
etwa nur 50% aller Patienten mit orthopädischen Krankheitsbildern
versorgt werden können und außerdem in der Ausbildung der Hausärzte
das Fach Orthopädie lediglich freiwillig in die Ausbildung
aufgenommen werden kann, so kann man tatsächlich von einer
"Mangelware Orthopädie" für die Patienten sprechen.
Augenscheinlich wird dieser Zustand, weil erstmalig im Rahmen der
Gesundheitsreform mit dem Österreichischen Strukturplan für
Gesundheit eine gesicherte Aussage über stationär aufgenommene
Krankheitsbilder und in einem Simulationsmodell eine Entwicklung
derselben vorliegt.
In Zeiten, wo die Finanzierbarkeit unseres Gesundheitssystems
diskutiert wird, ist zu befürchten, dass jener, der mehr Ressourcen
verlangt, wenig Gehör findet. In unserem Gesundheitssystem gibt es
Bereiche, wo Überkapazitäten, aber auch demographische Entwicklungen
in der Zukunft, Ressourcenverlagerungen zu Unterkapazitäten, wie sie
z.B. in der Orthopädie gegeben sind, sinnvoll machen. Die
Österreichische Gesellschaft für Orthopädie fordert daher im Zuge der
Gesundheitsreform eine Ressourcenverlagerung zu orthopädischen
Einrichtungen, orthopädischen Fachärzten und orthopädischen
Ausbildungsstellen. Eine Gesundheitsreform, die in der bloßen
Änderung der Finanzierung stecken bleibt, wird zwangsläufig
scheitern. Die Politik ist gefordert, die Rahmenbedingungen für
solche sinnvollen Strukturveränderungen zu schaffen und dem gerecht
zu werden, was in der Präambel der 15a-Vereinbarung zwischen Bund und
Ländern festgeschrieben steht, nämlich "ein verbindliches, der
Effizienzsteigerung dienendes Qualitätssystem für das Österreichische
Gesundheitswesen einzuführen und kontinuierlich weiterzuentwickeln".
Zur Situation in Tirol.
Die Zunahme an den über 60jährigen in Tirol wird bereits in den
nächsten 6 Jahren überdurchschnittlich ansteigen. Heute sind von den
etwa 700.000 Menschen, die in Tirol leben, 126.000 älter als 60
Jahre, bereits 2011 werden es 135.000 sein. Ohne Veränderungsstruktur
bedeutet das, dass knapp 20.000 Patienten jährlich mit orthopädischen
Krankheitsbildern auf die Krankenhäuser zukommen. Dies bedeutet, dass
für diese Patienten etwa 115.000 Belagstage oder knapp 350 Betten zu
reservieren wären. Dem stehen heute Einrichtungen mit der Kapazität
von 140 Betten gegenüber. Dass hier Handlungsbedarf herrscht, ist
offensichtlich. Die Verantwortlichen im Gesundheitswesen müssten den
Mut haben, durch Ressourcenverlagerung aus Bereichen, in denen es
Überkapazitäten gibt, jenes medizinische Leistungsangebot zu
verstärken, das für die Versorgung der Bevölkerung notwendig ist.
Vergleicht man die Bettenzahl als Indikator für die vorgehaltenen
Ressourcen in den einzelnen medizinischen Bereichen mit der im
Österreichischen Strukturplan vorgegebenen Mindestanzahl an Betten in
Tirol (BMZ min), so wird das Optimierungspotential deutlich.
In nahezu allen Fächern gibt es Überkapazitäten, jedoch im Bereich
der Palliativmedizin, der Inneren Medizin, der Akutgeriatrie und der
Orthopädie bestehen Unterkapazitäten.
Ein mutiger Schritt zur Ressourcenverlagerung, der nur politisch
getroffen werden kann, könnte das Gesundheitswesen sozial verträglich
massiv entlasten und würde keineswegs zu einer schlechteren
Versorgung der Bevölkerung führen.
Wenn auch mit dem neuen Strukturplan von der Kennziffer "Bett"
abgegangen wird - was zu begrüßen ist, denn nicht Betten und Ärzte
sollen im Mittelpunkt stehen, sondern die Patienten mit ihren
Erkrankungen - so sind sie heute noch ein guter Indikator für das
Gesamtbild im Gesundheitswesen, denn hinter jedem vorgehaltenen Bett
einer Fachrichtung stehen Fachärzte dieser Fachrichtung und damit
verbunden die Ausbildungsstellen.
Heute falsch vorgehaltene Ressourcen erzeugen in erhöhtem Maße
falsch vorhandene Ressourcen in der Zukunft. Wer heute in die falsche
Richtung ausbildet, wird morgen die Krankheiten unserer Bevölkerung
nicht optimal behandeln können und dies im wahrsten Sinn des Wortes
auch ökonomisch teuer bezahlen. Für die Orthopädie gilt ganz sicher:
die teuerste Form der orthopädischen Versorgung wird von
"Nicht-Orthopäden" geleistet.
Rückfragehinweis:
Dr. Erwin Lintner
Österreichische Gesellschaft für Orthopädie
Tel.: +43 676 312 26 46
mailto:[email protected]
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