"Digi-kids in Digi-World": der Einzug des Cyberspaces ins Kinderzimmer

Kinder und Medien - Aufwachsen in einer digitalen Medienwelt/internationaler Kongress im TGM am 24. +25. November 2005

Wien (OTS) - Die Anzahl der Leichen, die in einer Woche über US-amerikanische Bildschirme flimmert, erhöhte sich allein innerhalb des letzten Jahres von 27 auf 63. Dies ist das Ergebnis einer Untersuchung der Elternorganisation PTC (Parents Television Council) in Zusammenarbeit mit der Nachrichtenagentur Associated Press. Diese Fakten wurden von der Austria Presse Agentur wenige Tage vor dem Kongress "Kinder + digitale Medien" im Wiener TGM veröffentlicht. Nun ist die Zahl der Morde am Bildschirm in Österreich und Europa um etliches (noch) geringer, dennoch ist Gewalt am Monitor - mehr noch dem von Computern und Konsolen als dem vom TV-Apparat - eine Hauptsorge von Eltern. Neben Crime sorgen sich viele Eltern um die immer unverblümteren Darstellungen und Gespräche rund um Sex, die eher schon unter Pornografie fallen könnten.

Der Bogen der Einleitungsreferate spannte sich von der Diskussion um eine Revision der europäischen Fernsehrichtlinie "Fernsehen ohne Grenzen", die während der österreichischen EU-Präsidentschaft vorangetrieben werden soll, und die Darlegung kulturgeschichtlicher unterschiedlicher nationaler Zugänge zu "Zensur" bis zur weitgehenden Einigkeit und konkreten Zusammenarbeit der meisten Länder in Sachen Kinderpornografie und deren Unterbindung im Internet (inhope.org, stopline.at, saferinternet.at, www.educaunet.org).

Die meisten der 300 TeilnehmerInnen wünschten sich - ob als Eltern oder PädagogInnen - Hilfestellung und leicht überschaubare Information für den verantwortungsvollen Umgang von Kindern bzw. Jugendlichen mit Medien. Dementsprechend gespannt waren alle auf den Vortrag von Wim Bekkers aus den Niederlanden. Bereits 1999 erarbeitete das niederländische Institut für Klassifikationen audiovisueller Medien (NICAM) Richtlinien. An dieser freiwilligen Selbstkontrolle beteiligen sich öffentlich-rechtliche ebenso wie private Fernsehanbieter, aber auch Film-, Video- und DVD-Produzenten. Ein übersichtlicher mit selbsterklärenden Piktogrammen (Altersangaben ebenso wie Warnungen vor Gewalt, Sex, Angst aber auch diskriminierenden Inhalten und roher Sprache) arbeitender Kijkwijzer (Wegweiser bzw. Ratschlag, um weiser fernzusehen) kennzeichnet seit dem Jahr 2000 Sendungen und Filme - auch auf den Teletextseiten und in den Programmzeitschriften. Immer wieder wird der Kijkwijzer adaptiert. Mittlerweile halten ihn nicht nur neun von zehn Eltern für sinnvoll, fast drei von vier Mütter/Väter orientieren sich auch an diesen Wegweisern: www.kijkwijzer.nl

Als Ratgeber in Deutschland versteht sich auch die Initiative "Schau hin! - was deine Kinder machen" - www.schauhin.info

Eine weitergehende Dimension brachte Victor Henle, Leiter der Landesmedienanstalt Thüringen in die Debatte ein: Stärkung der Kompetenz von Kindern und Jugendlichen durch eigene Medienaktivitäten. Das kleine (neue) deutsche Bundesland bezeichnet sich selbst als Kindermedienland. Aufbauend auf einem der ältesten Kinderfilmfestivals ("Der Goldene Spatz"), bei dem es eine professionell betreute Kinderjury gibt, und dem KInderKAnal von ZDF und ARD entstanden medienpädagogische Projekte wie mobile Busse, die Kids helfen, sich selber audiovisuell kreativ zu betätigen. In Gera gibt es gar im Rahmen eines offenen TV-Kanals für Bürgerinnen und Bürger auch einen eigenen lokalen Kindersender.

Daraus wurde sogar eine wirtschaftliche "Nischenpespektive für Junge UnternehmerInnen" entwickelt. Film und Fernsehen brauchen ja auch eine Reihe von nachgelagerten Postproduktions-, und vorgelagerten Entwicklungsfirmen. Außerdem setzte man bewusst auch auf die Ansiedlung einschlägiger Entwickler von Video- und Computerspielen. Im inhaltlich-pädagogischen Bereich wird eine Kindermedienakademie vorbereitet, angedacht ist auch eine universitäre Stiftungsprofessur. Auf der ökonomischen Ebene wird Mitte 2007 ein Medienapplikations- und Gründerzentrum (MAGZ) in unmittelbarer Nähe des KinderKanals seinen Betrieb aufnehmen. Firmen aus dem Spektrum der Produktion audiovisueller Medien für Kinder gepaart mit Kreativen aus diesem Bereich, soll gegenseitig befruchtend die Zielstellung Kindermedienland weiter ausbauen.

Sehr verblüfft waren die österreichischen TagunsteilnehmerInnen darüber, dass beispielsweise in Deutschland rund 1% der TV-Gebühren über die Landesmedienanstalten für medienpädagogische Projekte zur Verfügung stehen. Für Österreich sei es wichtig, sich die Situation der Nachbarländer genau anzusehen und sich anzunähern, denn wir agieren im gleichen Markt, meinte Dr. Alfred Grinschgl von der RTR.

Auf die kritische Aneignung und Auseinandersetzung - nicht zuletzt durch eigenes Tun - mit unterschiedlichsten Medien setzt eine Vielzahl von Initiativen in der Praxis, die sich insbesondere am zweiten Tag des Kongresses präsentierte. Einige seien hier angeführt:

  • Medienpädagogischen Beratungsstelle in Niederösterreich - deren Leiterin Dr. Ingrid Geretschlaeger war auch die inhaltliche Verantwortliche des Kongresses, www.medienpaed.at
  • Zeitung in der Schule, www.zis.at
  • Kinder-KURIER, www.kiku.at
  • Buchklub der Jugend, www.buchklub.at
  • Zauberlaterne (Filmklubs, die in der Schweiz initiiert wurden und nun in vielen Ländern aktiv sind), www.zauberlaterne.ch
  • KInderKAnal, Trickboxx, www.kika.de
  • Young People’s Media Network - ein international tätiges Projekt der UNICEF, in dem Jugendliche mit professioneller Unterstützung eigene Filme drehen (lernen), www.unicef.org/magic

Es zeigte sich in der Diskussionsrunde mit diversen österreichischen Medien- und Industrievertretern, dass es zwar gewissen gesetzliche Rahmen gibt, innerhalb derer aber (ohne strenge Kontrolle und Sanktionierung) wenig effektiver Schutz und Förderung von Qualität gegeben ist. Michael Lang, Chefredakteur der APA moderierte das Panel und fasst bündig zusammen: "Die Verantwortung ruft, aber keiner ruft hier."

Viele TeilnehmerInnen haben die Einstellung der ORF-Kindersendung *ORF goes School" bedauert, wo ebenfalls Medienprofis mit Schülerinnen und Schülern Fernsehbeiträge erarbeiteten, und die auch international ausgezeichnet wurde. Die heimische Medienpolitik wurde im Kongress aufgerufen, sich intensiv mit dem Thema "Kinder und digitale Medien" zu befassen und angeregt, die Medienpädagogik auf den zeitgemäßen Anspruch auszurichten. Viele wünschten sich eine Fortsetzung dieser Tagung, die sie als Auftakt für eine Vernetzung sahen.

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