• 24.11.2005, 20:39:23
  • /
  • OTS0299 OTW0299

"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das Ende keiner Ruhmestat: Späte Millionen für Naziopfer" (von Johannes Kübeck)

Ausgabe vom 25.11.2005

Graz (OTS) - Mit zwei höchst widersprüchlichen Ereignissen geht
das Bedenkjahr 2005 zu Ende. Der britische Holocaust-Leugner David
Irving sitzt in Wien in Untersuchungshaft und die Auszahlung von
symbolischen Entschädigungen an vorwiegend jüdische Holocaust-Opfer
kann nach fast fünf Jahren beginnen.

Diese fünf Jahre haben den Architekten der österreichischen
Entschädigungslösung für die Opfer des Naziterrors an den Nerven
gezerrt. Viel bedeutsamer an dieser Zeitspanne ist aber, dass
tausende der betagten Opfer die symbolische Geste nicht mehr erleben
konnten. Für die Erben hat der Scheck aus Österreich nicht den Wert,
den er für jene gehabt hätte, die auf heimischem Boden einst
Enteignung, Vertreibung und Verderben erlebt haben.

Österreich kann jetzt den letzten Schritt der
Entschädigungsleistungen an die Opfer der Nazizeit setzen. Das ist
der Abschluss eines durchaus ehrenvollen Prozesses, der aber keine
Ruhmestat ist. Erstens bedeutet die letzte Rate von rund 220
Millionen Euro nur eine symbolische Entschädigung für
Vermögensverluste, deren tatsächlicher Wert in die Milliarden Euro
geht. Zudem sind die 220 Millionen weniger, als der Staat an Alkohol-
und Biersteuer einnimmt - und zwar jedes Jahr.

Zweitens haben Bürger, Politik und Verwaltung das Thema Entschädigung
konsequent gemieden. Es gab zwar durchaus umfangreiche Zahlungen an
jüdische Organisationen, aber erst in den letzten zehn Jahren -
immerhin 50 Jahre nach Kriegsende - einen entschlossenen Schritt, mit
den zehntausenden jüdischen Ex-Mitbürgern und ihren Nachkommen
konkrete Verhandlungen zu führen. Selbst dieser Prozess musste erst
durch Sammelklagen gegen heimische Firmen in den USA und durch
Rechtsstreitigkeiten um Bilder berühmter Maler angestoßen werden.

Die Schuld für das lange Warten der letzten fünf Jahre darf nicht bei
den amerikanischen Anwälten gesucht werden, deren Klagen die
Auszahlungen des Anfang 2001 beschlossenen Entschädigungsfonds
behinderten. Viel gravierender ist der Fehler, dass Österreich mit
diesem Prozess überhaupt erst so spät angefangen hat. Deshalb wirken
derartige Verzögerungen nun doppelt schmerzlich.

Der absehbare letzte Schritt der Entschädigungsleistungen darf nicht
als Ende der Vergangenheitsbewältigung missverstanden werden. Unter
die monströsen Verbrechen der Nazis lässt sich kein Schlussstrich
ziehen. Nicht 60 Jahre danach und noch lange nicht. ****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
mailto:redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel