"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das Ende keiner Ruhmestat: Späte Millionen für Naziopfer" (von Johannes Kübeck)

Ausgabe vom 25.11.2005

Graz (OTS) - Mit zwei höchst widersprüchlichen Ereignissen geht das Bedenkjahr 2005 zu Ende. Der britische Holocaust-Leugner David Irving sitzt in Wien in Untersuchungshaft und die Auszahlung von symbolischen Entschädigungen an vorwiegend jüdische Holocaust-Opfer kann nach fast fünf Jahren beginnen.

Diese fünf Jahre haben den Architekten der österreichischen Entschädigungslösung für die Opfer des Naziterrors an den Nerven gezerrt. Viel bedeutsamer an dieser Zeitspanne ist aber, dass tausende der betagten Opfer die symbolische Geste nicht mehr erleben konnten. Für die Erben hat der Scheck aus Österreich nicht den Wert, den er für jene gehabt hätte, die auf heimischem Boden einst Enteignung, Vertreibung und Verderben erlebt haben.

Österreich kann jetzt den letzten Schritt der Entschädigungsleistungen an die Opfer der Nazizeit setzen. Das ist der Abschluss eines durchaus ehrenvollen Prozesses, der aber keine Ruhmestat ist. Erstens bedeutet die letzte Rate von rund 220 Millionen Euro nur eine symbolische Entschädigung für Vermögensverluste, deren tatsächlicher Wert in die Milliarden Euro geht. Zudem sind die 220 Millionen weniger, als der Staat an Alkohol-und Biersteuer einnimmt - und zwar jedes Jahr.

Zweitens haben Bürger, Politik und Verwaltung das Thema Entschädigung konsequent gemieden. Es gab zwar durchaus umfangreiche Zahlungen an jüdische Organisationen, aber erst in den letzten zehn Jahren -immerhin 50 Jahre nach Kriegsende - einen entschlossenen Schritt, mit den zehntausenden jüdischen Ex-Mitbürgern und ihren Nachkommen konkrete Verhandlungen zu führen. Selbst dieser Prozess musste erst durch Sammelklagen gegen heimische Firmen in den USA und durch Rechtsstreitigkeiten um Bilder berühmter Maler angestoßen werden.

Die Schuld für das lange Warten der letzten fünf Jahre darf nicht bei den amerikanischen Anwälten gesucht werden, deren Klagen die Auszahlungen des Anfang 2001 beschlossenen Entschädigungsfonds behinderten. Viel gravierender ist der Fehler, dass Österreich mit diesem Prozess überhaupt erst so spät angefangen hat. Deshalb wirken derartige Verzögerungen nun doppelt schmerzlich.

Der absehbare letzte Schritt der Entschädigungsleistungen darf nicht als Ende der Vergangenheitsbewältigung missverstanden werden. Unter die monströsen Verbrechen der Nazis lässt sich kein Schlussstrich ziehen. Nicht 60 Jahre danach und noch lange nicht. ****

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