• 11.11.2005, 09:14:26
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Vranitzky erhält hohe jüdische Auszeichnung

Für den Mut, sich mit den Sünden der Vergangenheit auseinandergesetzt zu haben

Wien (SK) - "Wir haben es Ihnen zu verdanken, dass wir heute mit
Stolz österreichische Juden sind", betonte Victor Wagner, Präsident
der österreichischen B'nai B'rith Loge am Donnerstag bei der
Verleihung der International President's Gold Medal der humanitären
jüdischen Organisation für Altbundeskanzler Franz Vranitzky. "Wir
verleihen Ihnen diese Auszeichnung für den Mut, sich mit den Sünden
der Vergangenheit auseinandergesetzt zu haben", so Moishe Smith,
Vorsitzender des Exekutivausschusses von B'nai B'rith International
angesichts der klaren Worte Vranitzkys zur Rolle Österreichs und
seiner Bewohner während der Zeit des Nationalsozialismus. Vranitzky
unterstrich in seiner Dankesrede die Wichtigkeit des Nicht-Vergessens
und der Auseinandersetzung auch mit den dunklen Seiten der
Vergangenheit. ****

Die International President's Gold Medal, die vor Vranitzky
beispielsweise Staatsmänner wie Dwight D. Eisenhower, David Ben
Gurion, Golda Meir und Helmut Kohl erhalten hatten, ist die höchste
Auszeichnung der weltweit größten humanitären jüdischen Organisation
B'nai B'rith, die am Donnerstag in Anwesenheit vieler hochrangiger
Persönlichkeiten, darunter Bundespräsident Heinz Fischer, sowie die
SPÖ-Bundesgeschäftsführer Doris Bures und Norbert Darabos, an
Vranitzky verliehen wurde. "Wir müssen darüber reden. Und zwar immer
wieder", so sei die Haltung Vranitzkys zu sehen, betonte Otto Schily,
deutscher Innenminister und Laudator. Mit einem zuverlässigem
Wertekompass ausgestattet, sei für Vranitzky immer klar gewesen, dass
eine Gestaltung der Zukunft nicht denkbar sei, ohne eine umfassende
Aufarbeitung der Vergangenheit. Schily unterstrich besonders die
Rolle Vranitzkys im Prozess der europäischen Einigung. "Die
europäische Einigung ist das herausragende Friedenswerk des 20.
Jahrhunderts. Der überzeugende und überzeugte Europäer Franz
Vranitzky trägt großen Anteil daran, dass Österreich heute Teil
dieser Union ist", so Schily. "Es wird eine Persönlichkeit geehrt,
die eine Ära der Toleranz, Menschlichkeit und des politischen Mutes
in der Mitte Europas geschaffen hat."

Vranitzky selbst ging in seiner Dankesrede in besonderen auf die
Frage ein, ob es ein "Übermaß" an Aufarbeitung des
Nationalsozialismus und des Holocaust gäbe. "Von einem Übermaß kann
nicht die Rede sein, auch nicht, bei den so genannten politischen
oder Bildungseliten", so Vranitzky. Wichtig sei es vor allem, dass im
öffentlichen Diskurs den Stimmen gehör geschenkt werde, die sich mit
tiefgreifenden Untersuchungen auseinandergesetzt hätten. "Ich würde
das System des öffentlichen Diskurses bitten, die Allerweltssager
rasch zu entsorgen", so der Altbundeskanzler, der in seiner Rede auf
einige dieser Scheinaussagen einging und ein Aufrechnen der
stalinistisch-bolschewistischen Opfer gegen die Opfer des
Nationalsozialismus nannte.

Vranitzky stimmte den Kritikern zu, die gemeint hätten, dass heurige
Gedenkjahr fokussiere zu stark auf das Jahr 1955 und den
Staatsvertrag und das Jahr 1945 werde verhältnismäßig wenig bedacht.
"In der Dekade von 1945 bis 1955 ist unsere Republik erstanden, der
sprichwörtliche Staat, den keiner wollte wurde zur Zweiten Republik
und dank amerikanischer Hilfe, konnte die Wirtschaft wieder aufgebaut
werden", so Vranitzky, der dies besonders an die adressierte, "die
die Befreiung erst 1955 sehen wollen". Kritisch fügte Vranitzky aber
an: "Gerade in der Wirtschaft hätte es aber noch besser laufen
können. Hätten wir die vielen Vertriebenen zu einer Rückkehr
eingeladen."

Wenn sich Österreich zu seiner Geschichte und hier auch zur
individuellen Schuld bekenne, dann gehe es um die Klarheit und
Offenheit einer Gesellschaft. Abschließend sagte Vranitzky: "Ich
wünsche mir, dass alles, was aufgearbeitet wurde und noch
aufzuarbeiten sein wird, dazu führt, dass wir größere und weitere
Lichten sehen werden, als die Finsternis des 20. Jahrhunderts."
(Schluss) js

Rückfragehinweis:
Pressedienst der SPÖ
Tel.: 01/53427-275
http://www.spoe.at

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