• 01.11.2005, 18:10:34
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Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Deutschendämmerung

Wenn Deutschland schlingert, wird Österreich oft seekrank. Selbst
wenn dieser Konnex nicht mehr so direkt gelten sollte, ist die
Selbstzerstörung der SPD kein Grund zur Schadenfreude.
Und wenn SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer neuerdings neben sein Foto den
Slogan platziert: "Österreich verdient eine bessere Zukunft", so
bekommt das nun eine weitere Interpretations-Variante. Man kann ja
wahlweise ergänzen: " . . . als Gusenbauer" oder " . . . als
Deutschland".

*

Der letzte Akt der Deutschendämmerung begann mit einem
traumatischen Bericht des sozialdemokratischen Wirtschaftsministers,
in dem dieser bitter über parasitären Sozialmissbrauch durch
Hunderttausende Bundesbürger klagte. War das schon ein schockierender
Paukenschlag für dessen zum Teil noch immer sozialromantisch
träumende Parteifreunde, so bedeutet für sie das Scheitern des
Schröder-Erben Franz Müntefering an einer eigentlich läppischen
Personalentscheidung überhaupt den Abbruch der Vorstellung.
Es geht nur an der Oberfläche darum, wer SPD-Generalsekretär oder
Vorsitzender wird, oder warum die Parteiführung ausgerechnet jetzt
der kaum noch relevanten Jusos nicht mehr Herr wird. Es geht vielmehr
um die Sinnfrage der SPD. Kehrt sie wieder zu der Illusion zurück,
dass es ständig mehr für alle geben könne, oder hat sie so wie
Gerhard Schröder begriffen, dass der globale Wettbewerb den Deutschen
enorme Härten aufzwingt? Und dass dieser Wettbewerb unvermeidlich
ist, seit VW in China mehr Fahrzeuge verkauft als daheim.

*

Dem Suizid der SPD entspricht das Chaotentum eines Edmund Stoibers,
der nun mit vollen Hosen wieder heim zur Mama nach München will,
nachdem er gemerkt hat, dass Bundespolitik zu machen komplizierter
und härter ist, als im bayrischen Bierzelt herumzuschimpfen. Stoiber
hat durch sein wetterwendisches Verhalten der CDU auch den vielleicht
letzten rettenden Ausweg aus der Krise versperrt: nämlich rasche
Neuwahlen.

www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
mailto:[email protected]

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