Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Deutschendämmerung

Wenn Deutschland schlingert, wird Österreich oft seekrank. Selbst wenn dieser Konnex nicht mehr so direkt gelten sollte, ist die Selbstzerstörung der SPD kein Grund zur Schadenfreude.
Und wenn SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer neuerdings neben sein Foto den Slogan platziert: "Österreich verdient eine bessere Zukunft", so bekommt das nun eine weitere Interpretations-Variante. Man kann ja wahlweise ergänzen: " . . . als Gusenbauer" oder " . . . als Deutschland".

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Der letzte Akt der Deutschendämmerung begann mit einem traumatischen Bericht des sozialdemokratischen Wirtschaftsministers, in dem dieser bitter über parasitären Sozialmissbrauch durch Hunderttausende Bundesbürger klagte. War das schon ein schockierender Paukenschlag für dessen zum Teil noch immer sozialromantisch träumende Parteifreunde, so bedeutet für sie das Scheitern des Schröder-Erben Franz Müntefering an einer eigentlich läppischen Personalentscheidung überhaupt den Abbruch der Vorstellung.
Es geht nur an der Oberfläche darum, wer SPD-Generalsekretär oder Vorsitzender wird, oder warum die Parteiführung ausgerechnet jetzt der kaum noch relevanten Jusos nicht mehr Herr wird. Es geht vielmehr um die Sinnfrage der SPD. Kehrt sie wieder zu der Illusion zurück, dass es ständig mehr für alle geben könne, oder hat sie so wie Gerhard Schröder begriffen, dass der globale Wettbewerb den Deutschen enorme Härten aufzwingt? Und dass dieser Wettbewerb unvermeidlich ist, seit VW in China mehr Fahrzeuge verkauft als daheim.

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Dem Suizid der SPD entspricht das Chaotentum eines Edmund Stoibers, der nun mit vollen Hosen wieder heim zur Mama nach München will, nachdem er gemerkt hat, dass Bundespolitik zu machen komplizierter und härter ist, als im bayrischen Bierzelt herumzuschimpfen. Stoiber hat durch sein wetterwendisches Verhalten der CDU auch den vielleicht letzten rettenden Ausweg aus der Krise versperrt: nämlich rasche Neuwahlen.

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