• 30.09.2005, 11:22:22
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Hintergrund - Pressekonferenz: Zwingend notwendige Massnahmen zur Sicherung der Spitalsmedizin und Aufrechterhaltung der Patientenversorgung in NÖ

Wien (OTS) - Kranke Ärzte = Kranke Patienten

Zwingend notwendige Massnahmen zur Sicherung der Spitalsmedizin
und Aufrechterhaltung der Patientenversorgung in NÖ

Ihre Gesprächspartner der heutigen Pressekonferenz

Dr. Gerhard SCHUH Obmann der NÖ Spitalärzte
KR Peter MASCHAT Zentralbetriebsrat der NÖ Landeskrankenhäuser
Fr. Elfriede SCHMUTZ Betriebsrätin des Landesklinikums St. Pölten
(Sr. Manuela)

Kranke Ärzte = Kranke Patienten

Seit vielen Jahren weisen Niederösterreichs Spitalsärzte auf
Schwächen und Mängel der Krankenhausstrukturen hin. Diese Mängel sind
durch organisatorische Gegebenheiten, aber auch auf Grund
gesetzlicher Vorgaben oder struktureller Bedingungen zu nicht mehr
tragbaren Arbeitsbedingungen bei nicht entsprechender Entlohnung für
die NÖ Spitalsärzte angewachsen.

Die seit vielen Monaten öffentlich geführten Diskussionen über
Veränderungen im Gesundheitswesen drohen für Spitäler, speziell jenen
außerhalb der Großstädte und universitären Bereiche, drastische
Veränderungen mit sich zu bringen, die empfindliche Nachteile für
Patienten und Ärzte bedeuten könnten.

Darüber hinaus wird der Beruf des Spitalsarztes von vielen
Verantwortlichen als "notwendige" Durchgangseinrichtung angesehen,
nicht jedoch als echter lebenslanger Beruf.

Dr. Gerhard Schuh, Kurienobmann der angestellten Ärzte in der NÖ
Ärztekammer und damit oberster Spitalsarzt Niederösterreichs: "Wir
müssen es unbedingt schaffen ein Berufsbild zu kreieren, welches für
Spitalsärzte ihren "Lebensjob" wieder attraktiv und auch mit einem
normalen Leben vereinbar macht. Gelingt uns dies nicht, werden wir in
Kürze vor der Situation stehen, dass wir die medizinische Versorgung
in jener Qualität und in jenem Umfang wie wir sie derzeit in unseren
Spitälern vorfinden, nicht mehr aufrecht erhalten können."

Der Chef der NÖ Spitalsärzte weist in diesem Zusammenhang die
immer familienfeindlichere Situation des Berufslebens eines
Spitalsarztes hin. So liegt die Lebenserwartung der Spitalsärzte
bereits weit unter jener anderer Berufe; so sind Burn-Out-Syndrome,
ja sogar Suizide, bei Spitalsärzten um ein vielfaches höher als in
allen anderen Berufsschichten. Darüber hinaus zeigt sich, dass ein
Scheitern von Beziehungen und Ehen durch die familienfeindlichen
Arbeitszeiten, die das Leben eines Spitalsarztes mit sich bringt, in
kaum einer anderen Berufsgruppe so häufig vorkommt wie in jener der
in Krankenhäusern tätigen Ärzte.

Dr. Schuh weiter: "Wir müssen vor allen Dingen rasch beginnen,
bereits bei unseren jüngsten, also unseren Turnusärzten, drastische
Änderungen herbei zu führen. Junge Mediziner müssen statt als
"Schreibdiener", als "Büroarbeitern", als "hilfswilliges
medizinisches Bedienungspersonal" endlich als vollwertige Ärzte von
Anfang an in das Spitalswesen eingebunden werden."

Vor allem sei es laut Schuh unabdingbar, die derzeitige
Ausbildungssituation der jungen Mediziner nachhaltig zu verändern.
Eine interne Umfrage der NÖ Ärztekammer, die vor wenigen Monaten
unter allen NÖ Spitalsärzten durchgeführt wurde, zeigt eine
dramatische Entwicklung auf: Niederösterreichs Turnusärzte meinen
darin, dass sie in den Spitälern von Bürokratie "erschlagen" würden
und keine ausreichende Ausbildung erhielten, die es ihnen ermögliche,
mit gutem Wissen und Gewissen später einmal eine eigene Ordination zu
eröffnen.

Seit jeher hat die Ärztekammer für NÖ eine eigene behördliche
Ausbildungskommission eingerichtet, welche in regelmäßig unter
Beteiligung erfahrener Spezialisten diverse Abteilungen der
Niederösterreichischen Krankenhäuser penibel unter die Lupe nimmt und
dabei vor allem auch die Qualität der Ausbildung überprüft.

Ein Punkt, der in NÖ Spitälern seit vielen Jahren heftig
kritisiert wird, ist die Arbeitszeitsituation - diese liegt völlig im
Argen. In den meisten Krankenhäusern Niederösterreichs sind
Arbeitszeiten von bis zu 100 Stunden pro Woche keine Seltenheit. Dr.
Schuh: "Dies ist nicht nur unmenschlich sondern vor allem gefährlich
- sowohl für die Gesundheit der Patienten als auch für jene der
Ärzte. Seit mehr als einem Jahr diskutieren wir mit den
Verantwortlichen über dieses Thema. Dennoch liegt bis heute von der
anderen Seite kein vernünftiger Vorschlag auf dem Tisch. Wir müssen
Lösungen finden bevor ein Unglück passiert. Der Arbeitsstress für uns
Ärzte hat mittlerweile unzumutbare Ausmaße angenommen - und auch
unsere Patienten bekommen dies mittlerweile zu spüren."

Der Unfallchirurg aus St. Pölten kritisiert in diesem Zusammenhang
auch die überbordende Bürokratie. Ärzte verbringen derzeit 30-40%
ihrer Arbeit mit administrativer Tätigkeit anstatt sich um die
Patienten kümmern zu können. Diese Form des Arztseins muss in
Niederösterreichs Spitälern ein Ende haben, fordern die NÖ
Spitalsärztevertreter.

Aus diesem Grund hat sich eine Gruppe aus ca. 60 Ärzten, bestehend
aus Vertretern des Mittelbaus (ausgebildete Fachärzte = Oberärzte)
der Krankenhäuser, St. Pölten, Mistelbach, Krems, Horn, Tulln, Baden,
Amstetten und Wr. Neustadt vor wenigen Tagen in St. Pölten
zusammengefunden und gemeinsam ein 10-Punkte-Programm ausgearbeitet,
welches eine zwingend notwendige Forderung der Niederösterreichischen
Spitalsärzte an die Verantwortlichen, also den NÖGUS und die NÖ
Landesregierung, darstellt.

Dr. Schuh abschließend: "Wir versuchen auf konstruktive Weise,
allen für das Gesundheitswesen unseres Landes Verantwortlichen,
Konzepte aufzuzeigen. Wir Ärzte stehen tagtäglich "an der Front" und
wissen sehr genau, wo die Stärken und die Schwäche unserer Systeme
liegen. Wir wissen auch, wo wir mit einfachen Maßnahmen
Verbesserungen durchführen können, wo Veränderungen möglich, aber
auch, wo Veränderungen unbedingt notwendig sind. Ein Spital besteht
nicht nur aus schönen Bauten, modernen Geräten sondern hauptsächlich
aus Patienten und deren Angehörigen, also Menschen im
Ausnahmezustand. Andere Menschen, nämlich das medizinische Personal,
hält dieses "24-Stunden-Werkl" 365 Tage im Jahr am Leben. Diese kann
man nicht wie Ziegel oder technische Geräte behandeln. Wer das nicht
erkennt, der wird schon bald vor den Trümmern seiner eigenen
Wunschvorstellungen stehen. Ich bin allerdings sicher, dass die
umsichtigen und verantwortungsvollen Entscheidungsträger unseres
Bundeslandes unsere konstruktiven Vorschläge als das nehmen was sie
sein sollen: ein notwendiger Wegweiser jener, die tagtäglich aus der
Praxis wissen, welche Fehler man dringend beseitigen sollte."

Das 10 - Punkte - Programm der NÖ Spitalsärzte

Die nachstehenden Punkte wurden seitens der Mittelbauvertreter
(Oberärzte) der größten Niederösterreichischen Spitäler gemeinsam
erarbeitet. Diese sind als unabdingbare Forderung zur Sicherung der
Spitzenmedizin in NÖ zur Aufrechterhaltung der Patientenversorgung in
den NÖ Krankenhäusern zu sehen.

Dr. Gerhard Schuh: "Wir haben diese Punkte ganz bewusst auch mit
einem zeitlichen Vorgabeplan versehen, da wir überzeugt sind, dass
Handlungsbedarf besteht und gewisse Dinge nicht auf die lange Bank
geschoben werden kann."

1. Optimale Patientenbehandlung und Betreuung als oberstes Gebot

Bei allem Verständnis für Ökonomie und Wirtschaftlichkeit, welche
in unserem Gesundheitswesen notwendig ist und auch von allen
Beteiligten sehr ernst genommen werden sollte, muss immer gelten,
dass optimale Patientenbehandlung und die beste Betreuung der
Patienten Vorrang und vor allen ökonomischen und wirtschaftlichen
Überlegungen hat. Ein System, in welchem - wie in England - Menschen
ab einem gewissen Alter bestimmte medizinische Leistungen einfach
vorenthalten werden, wenn sie diese nicht selbst bezahlen, darf es in
unserem Bundesland niemals geben.

Umsetzungszeitraum: ab sofort

2. Vernünftige Belastung = Gesunde Ärzte

Die derzeitigen Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern macht es
für Spitalsärzte nahezu unmöglich, ohne schwere gesundheitliche
Schäden ihre Aufgaben zu 100 % bis zum 65. Lebensjahr zu erfüllen.
Deshalb fordern Niederösterreichs Spitalsärzte eine Verringerung der
Arbeitszeit auf maximal 12 Stunden direkter Arbeit am Patienten bzw.
24 Stunden Supervitierung - und eine Wochenarbeitszeit von max. 48
Stunden. Dieser Schritt könnte durch eine Personalaufstockung, vor
allen Dingen in dringlichen Mängelfächern wie zum Beispiel der
Anästhesie, erfolgen. Selbstverständlich muss es parallel dazu zu
einer entsprechenden Gehaltsanpassung kommen, damit die betroffenen
Ärzte nicht dramatische Gehaltseinbußungen in Kauf nehmen müssen.
Derzeit sind 50% des Gehaltes eines Spitalsarztes Einkünfte aus
Überstunden.

Umsetzungszeitraum: bis Juli 2006

3. Verbesserung der Ausbildungssituation

Die Ausbildungssituation in Niederösterreichs Krankenhäusern liegt
im Argen. Durch die geringen Personalressourcen ist es nicht möglich
junge Ärzte in jener Form auszubilden, wie es notwendig wäre, um die
hervorragende medizinische Qualität, die wir derzeit haben, auch in
Zukunft sichern zu können. Die
NÖ Spitalsärzte schlagen daher die Schaffung eines
Ausbildungsoberarztes bzw. eines Ausbildungsassistenten vor. Dies ist
ein eigener Arzt, der auf einer Abteilung ausschließlich dafür
abgestellt wird, um für eine optimale Ausbildungssituation der jungen
Kolleginnen und Kollegen zu sorgen.

Umsetzungszeitraum: bis Juli 2006

4. Administrationsabbau

Es ist unabdingbar, dass es zu einer deutlichen Verringerung der
administrativen Arbeit für NÖ Spitalsärzte kommt. Die Spitalsärzte
bekennen sich zu einer medizinischen Dokumentation die notwendig ist,
um sämtliche wichtigen medizinischen Daten des Patienten zu erfassen
und auch für die nachfolgenden Behandlungen jederzeit verfügbar zu
haben. Die überbordende Dokumentation für medizinisch nicht
relevanten Statistiken, Untersuchungen, u.ä., die ausschließlich
administrativen Zwecken dienen, sollten jedoch nicht seitens der
Spitalsärzte durchgeführt werden, da diese Zeit für die Betreuung der
Patienten fehlt. Die niederösterreichischen Spitalsärzte fordern
daher ein klares Bekenntnis dazu, dass sämtliche Dokumentationen, die
über das medizinische hinausgehen, zukünftig seitens des
Verwaltungsbereiches durchgeführt werden müssen, jedenfalls das
medizinische Personal nicht belasten.

Umsetzungszeitraum: bis März 2006

5. Keine Pauschalierung von Überstunden

Es gibt Bestrebungen, die zahlreichen Überstunden der NÖ
Spitalsärzte in Form von Pauschalen abzugelten. Dies würde einen
drastischen Einkommensverlust für die NÖ Spitalsärzte nach sich
ziehen. Eine derartige Regelung hätte unter Garantie zur Folge, dass
es damit zu einem drastischen Einbruch in der Leistung von
Überstunden käme - und somit die Patientenversorgung nicht mehr
aufrechterhalten werden könnte.

Die Forderung der NÖ Spitalsärzte: Ein klares Bekenntnis seitens
der Verantwortlichen, dass es zu keiner Pauschalierung von
Überstunden kommt.

Umsetzungszeitraum: ab sofort

6. Keine inaktiven Arbeitszeiten für Gesundheitspersonal

In ganz Europa geht derzeit das "Gespenst" der inaktiven
Arbeitszeit herum. Dies bedeutet, dass jene Zeit, die eine (nicht
klar definierte) Form von Bereitschaft darstellt, nicht mehr
honoriert würde. Konsequenter Weise würde so etwas zB auch
Verwaltungspersonal in den Spitälern, Angestellte der
Landesregierung, der Gemeinden und aller öffentlichen Einrichtungen
gelten. Sehr einfach formuliert: Kein Kundenverkehr = kein Geld!

Die Forderung der NÖ Spitalsärzte: Ein klares Bekenntnis seitens
der Verantwortlichen, dass es keine inaktiven Arbeitszeiten für
Gesundheitspersonal gibt. (Anwesenheit = Arbeitszeit!)

Umsetzungszeitraum: ab sofort

7. Keine Bereitschaftsdienste

Bereitschaftsdienste sind zwar aus wirtschaftlichen Überlegungen
verständlich, aber aus medizinischem Gesichtspunkten äußerst
gefährlich. Wenn gleich die Situation nicht allzu oft eintritt, so
entscheiden bei vielen medizinischen Notfällen Minuten über das
weitere Schicksal eines Patienten. Hier Menschenleben nur aufgrund
der Ökonomie aufs Spiel zu setzen, wäre verantwortungslos.

Die Forderung der NÖ Spitalsärzte: Ein klares Bekenntnis seitens
der Verantwortlichen, dass Bereitschaftsdienste eindeutig als
Dienstzeit definiert werden.

Umsetzungszeitraum: ab sofort

8. Keine Reduktion der Diensträder

Auf meisten Abteilungen der NÖ Krankenhäuser sind so genannte
Diensträder eingerichtet. Dies sind klare Definitionen, wie viel
Ärzte gleichzeitig auf einer Abteilung rund um die Uhr notwenig sind,
um eine sichere Patientenversorgung zu garantieren. Diese Werte
beruhen auf langjährigen Erfahrungen. Eine Verringerung des
ärztlichen Personals würde zwangsläufig keine dauerhafte Sicherheit
für die medizinische Versorgung der Patienten gewährleisten. Im
Gegenteil: Auf Grund der ständig steigenden medizinischen Leistungen
sind sogar in manchen Bereichen mehr Ärzte innerhalb eines
Dienstrades notwendig.

Die Forderung der NÖ Spitalsärzte: Ein klares Bekenntnis seitens
der Verantwortlichen, dass die Diensträder in der derzeit bestehenden
Form nicht verringert, sondern den notwendigen medizinischen
Mehrleistungen angepasst werden.

Umsetzungszeitraum: ab sofort

9. Ende des Turnusärzte - Pools

Aufgrund der akuten Personalsituation gibt es in einigen
Niederösterreichischen Krankenhäusern so genannte Turnusärztepools.
Dies bedeutet für den betroffenen Turnusarzt, dass er zu Dienstbeginn
noch nicht weiß auf welcher Abteilung er seine Tätigkeit verrichten
wird. Dies ist aus Sicht der Spitalsärzte völlig kontraproduktiv. Zu
einer guten medizinischen Ausbildung gehört Kontinuität - und auch
Turnusärzte müssen kontinuierlichere Tätigkeiten auf den
entsprechenden Abteilungen verrichten.

Umsetzungszeitraum: bis Ende 2005

10. Praktiker statt Theoretiker

Niederösterreichs Spitalärzte glauben, dass es notwendig ist, dass
eine Vertretung des Mittelbaus (Oberärzte) in allen wichtigen
gesundheitspolitischen Gremien (zB. Regionalkonferenz, LKF-
Codierung, Mittelbauvertretung auf Direktionsebene etc.) eingerichtet
werden. Dies vor allem auch deshalb, um die umfassende Erfahrung,
welche Oberärzte durch ihre tagtägliche Arbeit haben, auch in den
entsprechenden Gremien als Grundlage für Beschlussfassungen
vorbringen zu können - gemäß dem Motto: "Praktiker statt
Theoretiker" bzw. "Dabei sein ist Alles".

Umsetzungszeitraum: bis Ende 2005

Rückfragehinweis:

Pressestelle der Ärztekammer für Niederösterreich,
   1010 Wien, Wipplingerstrasse 2
   Tel.: 01 / 53751 - 221 DW
   mailto:[email protected]

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | AEN

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