Essstörungen: Eine europäische Perspektive

Innsbruck (OTS) - Zwei internationale Kongresse zum Thema Essstörungen fanden vom 5.-9. September in Innsbruck statt: Der heuer zum 13. Mal stattfindende Kongress Essstörungen von Netzwerk Essstörungen, ÖGES, und der Medizinuni Innsbruck mit Schwerpunkt auf körperorientierte Therapien, Essstörungen bei Männern und die Folgen von Essstörungen auf die Fortpflanzung leitete über zu ECED Innsbruck 2005, dem 9th General Meeting des European Council on Eating Disorders (ECED), dem größten europäischen Kongress zu Essstörungen, der erstmals im deutschsprachigen Raum abgehalten wurde. Beide Kongresse fanden unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Günther Rathner, Psychotherapeut an der Univ.Klinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie der Medizinuni Innsbruck, Präsident der österreichischen Gesellschaft für Essstörungen (ÖGES) und Obmann des Netzwerks Essstörungen statt.

Kongress Essstörungen 2005: Für Betroffene, Angehörige und ExpertInnen

Der jährliche Kongress Essstörungen ist die größte derartige Veranstaltung im deutschsprachigen Raum: Im Mittelpunkt standen körperorientierte Therapien. Die meisten Patientinnen haben ein sehr negatives Bild ihres Körpers. Die körperorientierte Therapie versucht mit verschiedenen Interventionen diese Wahrnehmung "aufzuweichen" und die Patientinnen zu einer neuen Selbstwahrnehmung zu führen. Angewandt werden diese Methoden sowohl bei Anorexia nervosa als auch bei Bulimia (Ess-Brechsucht), Binge Eating Disorder (Störung mit Essanfällen), aber auch bei Adipositas (Fettleibigkeit), die keine psychische Störung, also auch keine Essstörung ist.

Untersuchungen über die Häufigkeit von Essstörungen, über das Essverhalten von Kindern aller Gewichtsklassen und die Körperunzufriedenheit von Frauen zeigten das erschreckende Ausmaß der Sorge um Gewicht und Körperform in unserer gewichtsphobischen Gesellschaft.

ECED Innsbruck 2005

Der gesellschaftliche Stellenwert des Essens und dessen Regeln haben sich verändert, was die Entwicklung von Essstörungen begünstigt: Einerseits die fortschreitende Individualisierung, weg vom gemeinsamen Essen hin zur individuellen Auswahl in der Nahrungsaufnahme, andererseits die veränderte Einstellung zum Körper. Galt der Körper bis ins frühe 20. Jahrhundert als gegeben ("Wir haben einen Körper, sind aber auch Körper"), so gilt er heute als etwas individuell Formbares, von dem nicht nur Schlankheit, sondern auch Jugend, Fitness und jederzeitige Verfügbarkeit verlangt werden. Der Körper wird zum Schlachtfeld (im wahrsten Sinne des Wortes) für die Lösung persönlicher und sozialer Probleme. Wir sollten uns von der Illusion der unendlichen medizinisch-technologischen Formbarkeit des menschlichen Körpers und der Verleugnung des Alterns und des Todes verabschieden.

Die ECED Konferenz war - anders als übliche Kongresse - um drei Debatten zu provokanten Statements angeordnet ("The treatment of AN has no impact on the natural history of the disorder." "Manualized treatments are to good therapy what cheap ready to wear clothes are to made-to-measure clothes." "DSM and ICD should include obesity as an eating disorder."). Dies sorgte für rege Diskussionen unter den 200 Delegierten aus 28 Ländern, darunter fast alle europäischen Länder, Israel, Japan, Neuseeland, Kanada und den USA. Erstmals auf einem ECED Meeting wurden Selbsthilfe-Organisationen für Betroffene und Angehörige aus verschiedenen europäischen Ländern, die 12 europäischen wissenschaftlichen Gesellschaften für Essstörungen sowie die sieben derzeit in Europa existierenden Spezialausbildungen für die Behandlung von Essstörungen vorgestellt.

Insgesamt besuchten um die 450 Personen die beiden Kongresse. Der jährliche Internationale Kongress Essstörungen findet nächsten Herbst wieder in Tirol statt.

Links:
www.eced-innsbruck2005.at
www.netzwerk-essstoerungen.at
www.oeges.or.at

Rückfragen & Kontakt:

Univ.-Prof. Dr. Günther Rathner
Medizinische Universität Innsbruck
Schöpfstraße 23, 6020 Innsbruck
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Tel.: +43-664-39 66 700

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