- 18.09.2005, 19:48:24
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Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar
Wien (OTS) - Sechs seltsame Sieger
Die Deutschen haben klar gesprochen - wider viele Erwartungen. Ihre
Stimme und Stimmung widerspricht allerdings dem grotesken Schauspiel
von sechs Parteien, die sich alle zum Sieger erklären.
Zum ersten haben sie Angela Merkel gewogen und für zu leicht
befunden. Merkel hat die politische Dialektik, mit der etwa die
SPD-Führung binnen Minuten die schwerste Niederlage der
SPD-Geschichte in einen verbalen Triumph zu verwandeln verstand, so
schlecht wie einst Edmund Stoiber im Griff. Ihre Persönlichkeit
zusammen mit dem von ihr verschuldeten Chaos um zwei einander
widersprechende CDU-Steuerkonzepte löste den überraschend heftigen
Schwenk vieler Wähler von der Union zur FDP aus, aber auch die
Abwanderung vieler ins politische Nirwana. Die CDU hatte mit
Friedrich Merz, Christian Wulff und Wolfgang Schäuble ihre besten
Pferde im zweiten, wenn nicht dritten Glied stehen lassen.
Leichtfertig.
*
Zum zweiten haben die Deutschen wieder einmal eine relativ große
Bereitschaft zu radikalen Protestvoten gezeigt, des öfteren am ganz
rechten, nun am ganz linken Rand. Erschreckend.
*
Zum dritten wird nach dieser Wahl nie wieder eine Partei vor einer
Wahl die Wahrheit sagen über das Unangenehme, was sie nach der Wahl
zu tun beabsichtigt. Diese Bereitschaft der Union zur Wahrheit ist
hart bestraft worden. Ernüchternd.
*
Und letztlich müssen auch CDU und CSU eine zentrale Wahrheit des
Wahltags einsehen: Die Deutschen haben sich mehrheitlich für links
entschieden. Auch wenn das weder Aufschwung noch Arbeitsplätze
schafft, ist das ein Faktum. Die Mehrheit der Deutschen glaubt
offensichtlich mehrheitlich zusammen mit den drei Linksparteien
daran, dass Reformverzicht noch ein gangbarer Weg ist.
Wie um Himmels Willen soll da eine Koalition mit der SPD solche
Reformen zustandebringen? Das wäre ja bestenfalls eine Formel für
einen Übergang zu raschen Wahlen. Realistisch gesehen.
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