Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Sechs seltsame Sieger

Die Deutschen haben klar gesprochen - wider viele Erwartungen. Ihre Stimme und Stimmung widerspricht allerdings dem grotesken Schauspiel von sechs Parteien, die sich alle zum Sieger erklären.
Zum ersten haben sie Angela Merkel gewogen und für zu leicht befunden. Merkel hat die politische Dialektik, mit der etwa die SPD-Führung binnen Minuten die schwerste Niederlage der SPD-Geschichte in einen verbalen Triumph zu verwandeln verstand, so schlecht wie einst Edmund Stoiber im Griff. Ihre Persönlichkeit zusammen mit dem von ihr verschuldeten Chaos um zwei einander widersprechende CDU-Steuerkonzepte löste den überraschend heftigen Schwenk vieler Wähler von der Union zur FDP aus, aber auch die Abwanderung vieler ins politische Nirwana. Die CDU hatte mit Friedrich Merz, Christian Wulff und Wolfgang Schäuble ihre besten Pferde im zweiten, wenn nicht dritten Glied stehen lassen. Leichtfertig.

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Zum zweiten haben die Deutschen wieder einmal eine relativ große Bereitschaft zu radikalen Protestvoten gezeigt, des öfteren am ganz rechten, nun am ganz linken Rand. Erschreckend.

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Zum dritten wird nach dieser Wahl nie wieder eine Partei vor einer Wahl die Wahrheit sagen über das Unangenehme, was sie nach der Wahl zu tun beabsichtigt. Diese Bereitschaft der Union zur Wahrheit ist hart bestraft worden. Ernüchternd.

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Und letztlich müssen auch CDU und CSU eine zentrale Wahrheit des Wahltags einsehen: Die Deutschen haben sich mehrheitlich für links entschieden. Auch wenn das weder Aufschwung noch Arbeitsplätze schafft, ist das ein Faktum. Die Mehrheit der Deutschen glaubt offensichtlich mehrheitlich zusammen mit den drei Linksparteien daran, dass Reformverzicht noch ein gangbarer Weg ist.
Wie um Himmels Willen soll da eine Koalition mit der SPD solche Reformen zustandebringen? Das wäre ja bestenfalls eine Formel für einen Übergang zu raschen Wahlen. Realistisch gesehen.

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