"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das steirische Familiendrama und seine großen Profiteure" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 10.09.2005

Graz (OTS) - Wann immer man zuletzt ÖVP-Politiker nach den Schockwellen befragte, die ein Da capo des Salzburger Erdbebens im schwarzen Kernland Steiermark auslösen würde, folgte die abwehrende Antwort: Falsche Analogie! Weder sei die Stimmung gegen Waltraud Klasnic ähnlich negativ wie gegen Franz Schausberger, noch habe SP-Herausforderer Franz Voves eine vergleichbare Strahlkraft wie Gabi Burgstaller.

Das waren alles plausible Einwände, und dennoch kann die Volkspartei die Bedrohung nicht länger als unwirklich abtun. Sie ist real. Die aktuelle OGM-Umfrage bestätigt den erst vor Tagen erstmals ausgewiesenen Rückstand der steirischen ÖVP gegenüber der SPÖ. Die Differenz von zwei Prozentpunkten ist dabei nicht das Entscheidende sie bewegt sich innerhalb der Schwankungsbreite , gravierender ist der Trend, der sich drei Wochen vor der Wahl manifestiert.

Die Umfrage weist schonungslos die Kollateralschäden des Scheidungskrieges zwischen der ÖVP und ihrem langjährigen Familienmitglied Gerhard Hirschmann aus. Die Enthüllungen über Geldflüsse von der Peripherie der Partei an den Dissidenten haben naturgemäß beide Seiten beschädigt. Noch immer hält sich das Gerücht, dass die Veröffentlichung im inneren Zirkel der VP lanciert wurde, um Hirschmann den K.o.-Schlag zu versetzen. Das dürfte gelungen sein, allerdings um den Preis der schweren Selbstbeschädigung. Sie wurde nicht bedacht und die Blindheit lässt erahnen, wie unbändig der (wechselseitige) Vernichtungswille ist und wie dezimiert die Vernunft.

Der große Profiteur der Beziehungstragödie ist neben Franz Voves, der offenbar nur fidel bleiben muss und seine Gitarre nicht vergessen darf, Ernest Kaltenegger. Die Umfrage verheißt dem KPÖ-Kandidaten einen Stimmenanteil von zehn Prozent. Das würde für einen Regierungssitz reichen eine politische Arabeske und ein Schock für die Grünen.

Der Kommunist mit der Attitüde des heiligen Martin, der statt des Mantels seine Gage teilt, der kein Manifest im Sinn zu haben scheint und keine südsteirischen Kolchosen, ist mit dem Engagement für Badewannen in Gemeindewohnungen populär geworden. Bei der Grazer Wahl war es hip, ihn zu wählen als ironische, oppositionelle Geste. Gerechtfertigt hat er sie später als Stadtrat nie. Kaltenegger wirkt nett und arglos politikfern. Ähnlich wie ein Van der Bellen deckt er das Bedürfnis nach Politikern anderen Typs. Sein irrationaler Zuspruch ein Krisensymptom für die politische Klasse.****

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