Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Was bleibt vom Weltjugendtag neben der Erfahrung,
dass auch Deutsche bisweilen organisatorisch überfordert sind? Das Wichtigste ist wohl ein neues Selbstbewusstsein der katholischen Kerngruppen. Waren die letzten Jahre der Kirche vor allem von rituellen Selbstgeißelungen, Konzentration auf Unterleibsthemen, innerem Streit und der Neuerfindung von Kirche durch jeden einzelnen Funktionär geprägt, so wurde diese Agenda im Dialog zwischen Papst und einer neuen Generation weggewischt. Die Kirche stellt sich wieder mehr der Sinnfrage als dem Beichtspiegel. Und das Leben der Gläubigen wird sich auch weiterhin nur sehr teilweise an die Moralnormen der Kirche halten. So wie schon seit 2000 Jahren.

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Vielleicht lernt auch Erhard Busek für seine Ratschlägen etwas vom Weltjugendtag (oder von den Rolling Stones): Die Jungen laufen nicht dorthin, wo ihnen möglichst viel junge (etwa: Politiker-)Gesichter präsentiert werden, sondern wo es spannende Persönlichkeiten gibt.

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Die Arbeiterkammer ist gegen die hohen Treibstoffpreise. Und ich fordere bessere Wetter. Allerdings knüpfte die Kammer an diese Forderung auch eine kabarettreife Folgerung, wo mir nichts mehr einfällt, was gleich intelligent wäre: Sie verlangt eine Förderung von Tankstellen . . .

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Wiens SPÖ glaubt offenbar den Umfragen nicht, die einen Wahlsieg prophezeien: Gleich auf acht und zehn Jahre hat das Rathaus noch schnell Lobbying-Verträge abgeschlossen. Man fürchtet sichtlich, dass ein Koalitionspartner - und sei er noch so grün - bei einem derartig anrüchigen Geschäft nicht mitmacht. Denn es geht um Dimensionen, die in Schilling etliche Milliarden ausmachen.
Dabei gibt Wien samt seinem Wirtschaftsimperium schon jetzt das weitaus meiste Steuergeld aller öffentlicher Institutionen aus, um für sich Stimmung zu machen oder Medien zu beeinflussen. Wer an dieser Aussage zweifelt, schaue nur seinen Briefkasten oder die zahllosen gesponserten Serien und Beilagen an, die sich in vielen Wiener Zeitungen regelmäßig finden. Oder er suche dort nach irgendeiner Kritik am Wiener Bürgermeister. Und jetzt sichert sich die Wiener SPÖ noch auf ein Jahrzehnt zusätzliche Steuermilliarden zum Stimmungmachen . . .

Aber Michael Häupl sollte vorsichtig sein: Denn sein Freund Viktor Klima ist politisch daran gescheitert, dass ihn ORF, Krone und News ständig bejubelt haben. Irgendwann wird es den Bürgern zuviel. Vielleicht schon, bevor ein Rechnungshof den Megadeal in der Luft zerreißt.

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