• 18.08.2005, 17:38:40
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"Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar"

Wien (OTS) - Es ist fast amüsant, wie schwer sich viele
Kommentatoren mit der massenhaften Begeisterung junger Menschen für
den Papst tun. Ob es nun der heutige ist oder ob es sein Vorgänger
war, die beide abwechselnd die Schandtafel "erzkonservativ" um den
Hals gehängt bekommen haben. Wie kann diese Kirche 2000 Jahre so
erfolgreich überleben, die sich so gar nicht an das Ergebnis von
Meinungsumfragen oder die guten Ratschläge der Kommentatoren hält,
endlich das Frauenpriestertum einzuführen, endlich die Schwulenehe
sakramental zu würdigen, endlich die Abtreibung zu erlauben? Und was
man sonst noch so an Empfehlungen hört.

In dieser Argumentationsnot wird dann halt gerne von der
charismatischen Persönlichkeit dieses oder jenes Papstes gesprochen.
Jedoch ist der deutsche Papst alles andere als charismatisch, sondern
eher ein ruhiger Intellektueller.

Was ist es also dann, wenn man nicht zu transzedentalen
Erklärungen greifen will? Fußt der nachhaltige Erfolg der Kirche
vielleicht auch darauf, dass sie sich 2000 Jahre - trotz aller
katastrophaler Abirrungen - immer bemüht hat, sich selbst treu zu
bleiben, dass sie eben nicht nach Meinungsumfragen gelebt hat?
Vielleicht wollen die Menschen gar keine Führungsgestalten, die ihnen
ständig nach dem Mund reden, sondern solche, die selbst einen
Standpunkt haben? Die Kirche wird jedenfalls noch lange leben, wenn
all die Firmen und Parteien mit ihrer teuren Meinungsforschung und
PR, mit ihren Werbe- und Kommunikationsabteilungen schon längst
verschieden sind.

*

Die Kommentatoren in Sachen Kirche haben meist nur zwei Linien:
Entweder es wird hämisch über leere Kirchen berichtet (und zwar viel
intensiver als über den noch viel drastischeren Mitgliederschwund bei
Parteien und Gewerkschaften). Oder es wird, wenn die Massen wie jetzt
in Köln wirklich nicht mehr übersehen werden können, verächtlich vom
Eventcharakter gesprochen, wie es etwa ein ZiB-2-Moderator mit großer
Beharrlichkeit getan hat. Und es wird übersehen, dass die Kirche mit
ihrer Liturgie 2000 Jahre Erfahrung hat in Sachen Inszenierung und
Mystik. Heute nennt man das halt Event.

*

Schon wieder sagt eine Studie, dass es zur Pkw-Maut und auch zu
einer intensivierten Lkw-Maut kommen werde. Wieder schäumt die
Opposition und die Regierung dementiert. Beide sollten sich fünf
Minuten Zeit nehmen und die Zahlen anschauen, dann wird klar: Ohne
mehr Mautgeld müssen Straßenbau und -renovierung sehr bald
eingestellt werden. Natürlich nicht vor den Wahlen.

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
mailto:[email protected]

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