• 17.08.2005, 11:48:47
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Trauer und große Betroffenheit in der Evangelischen Kirche

Protestantischer Pastor und Gründer von Taizé Roger Schutz ermordet

Wien (epdÖ) - "Mit großer Betroffenheit haben wir die Nachricht
von der Ermordung des Gründers der Gemeinschaft von Taizé, Roger
Schutz, aufgenommen", sagte der reformierte Landessuperintendent Mag.
Wolfram Neumann am Mittwochvormittag gegenüber epd Ö. Neumann
betonte, dass "Schutz der reformierten Weltfamilie wie der Ökumene
als eine ganz besondere Persönlichkeit in Erinnerung bleiben wird".
Mit seiner 1949 gegründeten Gemeinschaft habe er die mönchische
Lebensform im protestantischen Raum wieder als eine "mögliche
Ausdrucksform unseres Glaubens zu breiter Anerkennung geführt". Das
besondere an der Gemeinschaft von Taizé sei ihr "ökumenischer
Charakter und ihre Offenheit hin zu allen sich auf Christus
berufenden Kirchen und Gemeinschaften, aber auch die Offenheit
gegenüber der Welt und ihren schrecklichen Problemen in den sozial
schwächsten Gesellschaften der Welt".

"Die Evangelische Kirche in Österreich trauert um Frère Roger Schutz.
Es löst große Betroffenheit aus, dass ein 90-jähriger Christ, der
sich Zeit seines Lebens für Frieden und Versöhnung eingesetzt hat,
ausgerechnet dem Mordanschlag einer offenkundig geistig verwirrten
Täterin zum Opfer fällt", sagte Oberkirchenrat Dr. Michael Bünker
gegenüber epd Ö. Gegen die "Verrücktheit dieser Welt setzen
Christinnen und Christen ihren Glauben an die Auferstehung, der die
Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit sowie auf ein gewaltfreies
Zusammenleben begründet", so Bünker. "Die Evangelischen in Österreich
beten für Frère Roger und bekunden so ihre feste Überzeugung, dass
der Einsatz für Nächstenliebe und Versöhnung immer sinnvoll bleibt
und durch keine Gewalt der Welt in Frage gestellt werden kann."

Bünker: Gemeinschaft von Taizé wichtiges Zeichen der ökumenischen
Verständigung

"Millionen Jugendliche haben sich im Laufe der Jahre mit den Themen
der Gemeinschaft, mit Frieden, Nächstenliebe und Versöhnung,
beschäftigt und durch die Begegnung mit Taizé eine kirchliche Heimat
gefunden. Die große Trauer, die sein gewaltsamer Tod unter den
Teilnehmern des Weltjugendtreffens in Köln ausgelöst hat, belegt das
in eindrucksvoller Weise." Im Laufe der Jahre sei die Gemeinschaft
von Taizé zum "wichtigen Zeichen der ökumenischen Verständigung
geworden", betonte Bünker. "Nicht zuletzt hat sich das an der
Teilnahme von Roger Schutz an den Begräbnisfeierlichkeiten für
Johannes Paul II. gezeigt, bei denen er, der Protestant, von Kardinal
Ratzinger, dem jetzigen Benedikt XVI., die Eucharistie empfing."

Besondere Bedeutung komme Taizé für die Spiritualität in den Kirchen
zu: "Aus dieser gelebten tiefen Frömmigkeit vieler Jahre sind die für
Taizé typischen Gebete und Lieder entstanden, die in vielen Gemeinden
rund um die Welt in Gebrauch sind."

Bünker: "Viele Evangelische aus Österreich haben im Lauf der
Jahrzehnte Taizé besucht. Beeindruckt von der Spiritualität der
Gemeinschaft und besonders von der Ausstrahlung des Frère Roger haben
sie etwas vom Geist der Gemeinschaft in ihre Heimatgemeinden
mitgebracht und so einen Beitrag gegeben zur ökumenischen Offenheit,
zu lebendigen Gottesdiensten, zum Einsatz für Frieden und Versöhnung
unter den Menschen. Dafür bleibt Frère Roger Schutz unter uns
lebendig."

Taizé als evangelische Einrichtung von Anfang an ökumenisch
ausgerichtet

Im Mai 1940 war Roger Schutz, Sohn einer Französin und eines
Schweizer Pastors, in dem französischen Dorf Taizé eingetroffen, wo
er sich in einem verlassenen Haus einrichtete. Geleitet von dem
Vorbild seiner Großmutter, die im Ersten Weltkrieg französische
Flüchtlinge aufgenommen hatte und sich bemühte, die durch den Krieg
verfeindeten Christen miteinander auszusöhnen, setzte er sich das
Ziel, Taizé zu einer Stätte des Gebets, des Friedens und der
Aussöhnung zwischen allen Menschen christlichen Glaubens zu machen.
1949 gründete Roger Schutz die Gemeinschaft von Taizé, die als
evangelische Einrichtung von Anfang an ökumenisch ausgerichtet war
und sich für die Versöhnung der Kirchen einsetzte.

Der reformierte Pastor aus der Schweiz war eine der führenden Figuren
der ökumenischen Bewegung und genoss Respekt unter den Oberhäuptern
verschiedener Konfessionen. Im Kloster Taizé werden schon seit
längerem während der Gebetszeiten gleichzeitig das evangelische
Abendmahl und die katholische Eucharistie verteilt. Der Gemeinschaft
gehören heute rund 100 Brüder aus 25 Nationen an, rund ein Drittel
von ihnen ist katholisch. Im Laufe der Jahre haben Millionen
Jugendliche sich mit den Themen der Gemeinschaft beschäftigt, mit
Nächstenliebe, Frieden und Versöhnung. Wichtig ist dabei die Achtung
vor Andersdenkenden aller Glaubensrichtungen, ob orthodoxe Christen,
Katholiken, Protestanten, Juden oder Muslime.

Anlässlich des großen Taizé-Jugendtreffens 1997 in Wien kamen
Bundespräsident Thomas Klestil, Kardinal Christoph Schönborn,
Metropolit Michael Staikos und Bischof Herwig Sturm zum Abendgebet
der Jugendlichen mit Frère Roger Schutz auf dem Wiener Messegelände.

Für seinen Einsatz für Frieden erhielt Frère Roger 1974 den
Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 1988 den UNESCO-Preis für
Friedenserziehung und 1989 den Internationalen Karlspreis der Stadt
Aachen.

Frère Roger hieß eigentlich Roger Schutz-Marsauche und wurde am 12.
Mai 1915 in Provence im Schweizer Kanton Vaud geboren. Am gestrigen
Dienstag ist er bei einem Angriff während eines Gottesdienstes
getötet worden. Während des Abendgebets am Stammort der Gemeinschaft
in Ost-Frankreich ist eine Frau unter den rund 2500 Anwesenden
aufgestanden und hat Roger mit drei Messerstichen getötet. Der
90-Jährige war sofort tot.

Rückfragehinweis:
epdÖ
Tel.: (01) 712 54 61
Mag. Marco Uschmann
mailto:[email protected]
http://www.evang.at

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