- 14.07.2005, 17:51:36
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Die Bildungslandschaft ist für immer verändert
"Presse"-Leitartikel vom 15.07.2005, von Dr. Martina Salomon
Wien (OTS) - Die Bildungslandschaft ist für immer verändert
LEITARTIKEL von MARTINA SALOMON
Folgen des EuGH-Urteils: Chaos, fragwürdige Selektionsmechanismen _
und viel EU-Skepsis.
Fazit nach einer Woche "Ausnahmezustand" an den Universitäten dank
EuGH-Urteil: Es wird schon ab Herbst partiell einen Numerus clausus
geben _ wenn auch wahrscheinlich in der "milden" Form, wo nur
einzelne Noten zählen. Aber kann ein Studiendekan in Innsbruck
beurteilen, ob es die Wiener Schule, von der der Neostudent stammt,
ihren Maturanten nicht zu leicht gemacht hat? Sind nicht auch Kinder
vom Land benachteiligt, weil sie für und in der AHS stärker
"ausgesiebt" werden? Geht es hauptsächlich nach Noten, so haben vor
allem die Buben das Nachsehen: Mädchen verhalten sich zumeist
schulangepasster und bekommen dafür auch die besseren Zeugnisse.
Solange außerdem die Schulen überhaupt nicht vergleichbar sind, ist
eine Aufnahme nach Noten fragwürdig. Der in Deutschland praktizierte
Numerus clausus gilt als gescheitert, sollen wir das wirklich
übernehmen? Weitere Skurrilität am Rande: Die Deutschen leiden längst
unter einem Ärztemangel _ Österreichs (zu viel ausgebildete) Ärzte
sind dort hochwillkommen, beispielsweise in Sachsen.
Politisches Fazit: Es ist schon erstaunlich, dass das
Bildungsministerium keine wasserdichte neue Zugangsregelung für den
lange erwarteten Fall der Verurteilung durch den EuGH in der Lade
liegen hatte. Zwei Reaktionen gab es: Überrannte Unis dürfen
Zulassungsbeschränkungen einführen. Und Latein _ das schon bisher für
Österreicher als Voraussetzung zum Medizinstudium galt _ wurde nun
auch für Ausländer eingeführt.
Bi aller Kritik an Österreich stellt sich schon auch die Frage
stellt, ob es von den europäischen Richtern wirklich der Weisheit
letzter Schluss war, eine nationale Regelung _ den freien
Hochschulzugang _ zum Kippen zu bringen. Österreich kann ja nicht die
Bildungsprobleme eines zehn Mal größeren Nachbarn lösen. Wäre die
europäische Verfassung schon in Kraft, hätte die Republik übrigens
ein starkes Instrument in der Hand: Eine europäische Regel müsste
nicht angewandt werden, wenn es die finanziellen Ressourcen eines
Landes überfordert (wofür es allerdings eines Ratsbeschlusses
bedarf).
Allerdings scheint es Österreich verabsäumt zu haben, dieses Problem
rechtzeitig und ausdrücklich innerhalb der EU zur Sprache zu bringen.
War uns die Ausnahmeregelung für die "Marillenmarmelade" wichtiger
als der offene Uni-Zugang? Auch ein anderes, umstrittenes und daher
noch nicht in Kraft getretenes Recht hätte Österreich geholfen: die
Dienstleistungsrichtlinie, der zufolge für den Arbeitnehmer die
Rechtslage seines Herkunftslandes gelten soll. Die Richter haben sich
an bestehendes Recht gehalten. Das festigt das Vorurteil vieler
Bürger, dass in der EU eine ferne, unerbittliche Bürokratie am Werk
ist.
Jetzt also ist die "Lawine" da, und wir begegnen ihr fast ein wenig
schlawinerhaft: Da gibt es Schikanen _ irgendwie """werden wir die
Deutschen vergraulen, ist das Motto. Wer als erster am Schalter war
und von wem am schnellsten die Zahlung einlangt, der kommt zum
Beispiel an der Wiener Med-Uni als erster zum Zug. Pech, wenn das von
einer deutschen Bank länger dauert. An der Med-Uni Innsbruck hieß es,
die Inskription beginne am 31. August. Jetzt gibt es plötzlich
Voranmeldungen. 14.000 Deutsche prozessieren daheim um einen
Studienplatz _ kann sein, dass nach dem Ansturm nun auch die
Klagsflut nach Österreich überschwappt.
Die Frage ist, ob es nicht eine Art Finanzausgleich zwischen
Deutschland und Österreich geben sollte. Doch das ist schwierig zu
erreichen, weil Bildung im Grunde kein EU-Recht ist wie Gesundheit
(ebenfalls ein Argument gegen das Urteil!), wo für deutsche
Patienten, die sich nach einem Skiunfall in Österreich behandeln
lassen, Geld aus Deutschland fließt.
Es kann wohl nicht sein, dass die Medizin-Unis nun für die Deutschen
verdoppelt werden. Dazu kommt ja auch noch das praktische Lernen: Die
Uni-Kliniken wären damit überfordert. Man müsste alle anderen
Spitäler ebenso für Ausbildungszwecke öffnen. Auch das kostet
natürlich Geld. Bleibt die bisherige Kapazität, dann könnte in
einigen Jahren ein Medizinermangel eintreten, wie die Ärztekammer
warnt _ obwohl der Hinweis von einer Seite, die seit 20 Jahren vor
der Ärzteschwemme warnt, fast schon lieb ist.
Faktum ist, dass es nun neue Selektionsmechanismen geben wird. Faktum
ist aber auch: Die Akademikerquote in Österreich ist im
internationalen Vergleich nicht hoch genug. Es wäre fatal, wenn das
EuGH-Urteil zu einer sinkenden Rate führen würde.
Folgen des EuGH-Urteils Seite 4
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