• 06.07.2005, 14:15:43
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ÖH WU: Offener Brief an Sektionschef Höllinger

ÖH WU fordert das Bildungsministerium auf, betriebswirtschaftliche Fächer offen zu halten

Wien (OTS) - Sehr geehrter Herr Sektionschef Univ.-Prof. Dr.
Sigurd Höllinger!

In den letzten Wochen wurde in der österreichischen
Bildungspolitik in Erwartung einer Verurteilung Österreichs durch den
EuGH wegen Diskriminierung von EU-Bürgern durch die heimischen
Hochschulen vieles diskutiert. Die Pläne des Bildungsministeriums
scheinen sich dahingehend zu entwickeln, dass den Rektoren ein
starkes und autonomes Machtinstrument in die Hände gelegt werden
wird, nämlich Zugangsbeschränkungen am Beginn des Studiums oder zu
einem gewissen Zeitpunkt nach einer Eingangsphase festzulegen. Aus
Sicht der Studierenden, die schließlich von den Konsequenzen dieser
Entscheidung am stärksten betroffen sein werden, ist es im höchsten
Maße bedenklich, wenn quasi einzelne Personen, insbesondere der
jeweilige betroffene Rektor, autonom über das Schicksal künftiger
Studierender entscheiden können. Dass Rektoren, die rational denken
und wissen, dass sie vor allem der Professorenkurie, die sämtliche
Mehrheiten in den universitären Gremien stellt, Rechenschaft schuldig
sind, ist klar. Professoren wiederum wünschen sich offen und
geschlossen kleinere und elitäre Kohorten. Dies ist an der
Wirtschaftsuniversität Wien bereits sichtbar geworden, wo die
Professoren mit dem Rektorat gemeinsam gegen die einheitliche Stimme
der Studierenden einen Entwicklungsplan beschlossen haben, der den
Wunsch äußert, im künftigen dreigliedrigen System auf der
Magisterebene die Studierendenzahl drastisch zu reduzieren. Es
scheint klar zu sein, dass ein Hüftschuss-Gesetz dieser Ausprägung
der Universitätsleitung Tür und Tor für einseitige, ausschließlich
von den Interessen der Professoren geleitete, strategische Maßnahmen
öffnet. Auf keinen Fall sollten derartig wichtige Weichenstellungen
ohne die Mitsprache der Studierenden in Senat und
Curricularkommission beschlossen werden können.

Sonderfall WU

Der Wirtschaftsuniversität Wien fällt eine gesonderte Rolle zu.
Der Rektor der WU, Univ.-Prof. Christoph Badelt, ist Vorsitzender der
Österreichischen Rektorenkonferenz. Im Vorfeld zu seiner Wahl in
diese politische Funktion hat er sich stark mit Forderungen nach
allgemeinen Zugangsbeschränkungen in der Öffentlichkeit profiliert.
Die Tatsache, dass er durch dieses Engagement von den
österreichischen Rektoren gewählt wurde, lässt diese Forderung wie
ein Wahlversprechen anmuten, das er vermutlich auch einzuhalten
gedenkt!

Daraus ist zu schließen, dass Rektor Badelt die Möglichkeit der
Selektion auch an der WU Wien wahrnehmen wird müssen, um nicht seine
Glaubwürdigkeit zu verlieren. Das Recht wird ihm per Gesetz erteilt
werden, da "Betriebswirtschaft und fachverwandte Studien" als
deutsche Numerus Clausus Fächer gehandelt werden. Dass in Deutschland
sämtliche wirtschaftlichen Studienrichtungen nicht mehr einem
zentralen NC unterliegen, scheint hier nicht zu interessieren. Eine
einfache Nachforschung bei der deutschen zentralen Vergabestelle hat
ergeben, dass bei manchen Universitäten nicht einmal das Kontingent
ausgelastet worden ist. Woher soll also die "Flüchtlingsflut" an
Betriebswirten kommen?

Weiters hört man, dass die Bemessungsgrundlage für den
österreichischen Numerus Clausus der Durchschnitt der Studienanfänger
der letzten drei Jahre sein soll. Die entsprechende Zahl für die
Wirtschaftsuniversität läge somit bei ca. 3000 Studierenden.
Verglichen mit den Studienanfängerzahlen des letzten Jahres müsste
sich die Summe an Inskriptionen um mehr als 15% steigern, um diesen
Wert zu erreichen. Weiters wissen wir, dass die
Wirtschaftsuniversität bereits im Studienjahr 2002/03 mit fast 3400
Erstsemestrigen gut umgehen konnte. Dazu kommt, dass selbst das
Rektorat immer wieder betont hat, dass die WU sogar noch mehr
Studienanfänger verkraften würde. Daher kann man davon ausgehen, dass
die Wirtschaftsuniversität eine Steigerung von 30 - 40 % verkraften
kann. Können Sie mir also bitte plausibel erklären, warum
betriebswirtschaftliche Studienrichtungen Zugangsbeschränkungen
benötigen sollen?

Man könnte nun natürlich argumentieren, dass ein Numerus Clausus,
der über den zu erwartenden Studienanfängerzahlen liegt, somit
ohnehin belanglos sei, weil er keinerlei Konsequenzen nach sich
ziehe. An sich stimmt das auch. Doch die Debatte ist für mich als
Studierendenvertreter auch eine philosophische und
gesellschaftspolitische Grundsatzdiskussion, bei der man nicht nur
die Auswirkungen messen kann, sondern unbedingt auch die
Symbolträchtigkeit berücksichtigen muss. In gegebenem Fall würde für
uns die Botschaft lauten: "Wir brauchen absolut keine
Zugangsbeschränkungen, weil alle Zahlen und Erwartungen dagegen
sprechen, führen sie aber trotzdem ein!"

Weiters bin ich davon überzeugt, dass was uns heute als
kurzfristige taktische Maßnahme präsentiert wird, schon bald als
langfristige strategische Ausrichtung der österreichischen
Hochschulpolitik erkennbar sein wird. Sie glauben doch nicht
wirklich, dass sich die Rektoren in zwei Jahren die Möglichkeit, sich
die Studierenden selbst auszuwählen, wieder nehmen lassen werden.
Außerdem reichen bekanntlich zwei Jahre im Normalfall aus um grobe
Unsinnigkeiten salonfähig zu machen. Die Geister, die wir heute
rufen, werden wir morgen nicht wieder los.

Hochachtungsvoll!

Benedikt Rettenbacher

Rückfragehinweis:
Benedikt Rettenbacher
Vorsitzender ÖH WU
(AktionsGemeinschaft WU)
Tel.: 01/31336/4862
e-Mail: [email protected]

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