• 17.06.2005, 16:27:22
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WirtschaftsBlatt Kommentar vom 18.6.2005: Und jetzt, Herr van der Bellen: üben, üben! - von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - In juristischer Fachsprache ausgedrückt sind Sie,
Herr van der Bellen, ein mutmasslicher Ehrlicher. Mit Ihren 61
Lebensjahren und Ihrer elfjährigen politischen Praxis müssten Sie
wissen, dass Sie sich damit in der Politik ziemlich unangepasst
benehmen. Als Spitzenpolitiker vor den Medien etwas so sagen, wie man
glaubt, dass es ist: das ist ja fast so, als würden Sie glatt rasiert
und mit Nasenflinserln bei der Rektorenkonferenz erscheinen. Aber
Herr Professor!
Ich will Sie nicht verunsichern, zumal Sie das schon sind, sonst
hätten Sie nicht ins Mikrophon gesagt, das nächste Mal würden Sie
sich genau überlegen, was Sie sagen. Mein Gott, dieses Statement ist
ja noch schlimmer als das erste, aber ich verstehe Sie: der
entsetzliche Druck der Parteibasis, an jeder ihrer Körperstellen
Graswurzeljucken und Funktionärs-Allergien, ein fundamentaler Schorf
selbst dort, wo Sie die Stirn nachdenklich in Falten legen. Und Sie
sind ja wirklich zu seriös, als dass man Ihnen einen so ungehobelten
Umgang mit der Parteidisziplin zutrauen würde, der in anderen
politischen Lagern gang und gäbe geworden ist.
Für uns Journalisten sind Sie wichtig, vielleicht sogar ein
Glücksfall. Einer Ihrer Professorenkollegen, der Politologe Fritz
Plasser, hat nach gründlicher Untersuchung die sechs wichtigsten
Trends in der innenpolitischen Berichterstattung herausgefunden:
Personalisierung, Überbewertung von Konflikten, Verknappung der
Sachverhalte, Inszenierung, Politik als Unterhaltung, Negatives in
den Mittelpunkt stellen.
Herr van der Bellen, wenn wir jetzt einmal eine gewisse Enge Ihrer
Partei ignorieren: Sie liegen bei allen sechs Punkten voll im Trend
und sind ein Kommunikator. Und wenn Sie jetzt mit dem daher kommen,
wonach wir Journalisten prinzipiell suchen, aber nicht mehr glauben,
es finden zu können, nämlich Ehrlichkeit in der Politik: Was kann
Ihnen noch passieren? Nebenbei gesagt: So viel Öffentlichkeit wie in
den vergangenen Tagen hatten Sie und Ihre Partei schon lange nicht.
Was glauben Sie, was Gusenbauer dafür gäbe?
Ein bisschen beeilen müssten wir uns halt. Partei-Opa ist man aus
begreiflichen Gründen nicht ewig. Sie sind alt genug, dass Sie den
unmodern gewordenen Begriff "schweigende Mehrheit" kennen. Wähler
mauscheln in Wahlzellen. Da wählen plötzlich ein paar Schwarze, Rote
und sogar abgelegte Blaue grün, einfach, weil Sie etwas sagen können,
ohne vorher an die Partei zu denken. Und jetzt, Herr
Parteivorsitzender: üben, üben!

Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/306
http://www.wirtschaftsblatt.at

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