Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Wenn es derzeit im Lande großen Handlungsbedarf gibt, dann in der Frage Studienzugang: Nach dem - nicht sehr logischen, jedoch fast sicheren - Beschluss der obersten EU-Richter, freien Studienzugang für alle EU-Ausländer zu erzwingen, müssen binnen 24 Stunden nach Verlautbarung des Urteils alle Universitäten alle Ausländer mit Abitur aufnehmen. Das wird etwa die Medizin-Unis unter dem Ansturm deutscher Numerus-clausus-Flüchtlinge lahmlegen. Das immer älter werdende Österreich wird aber sehr viele Ärzte benötigen.

Alle wissen, was zu tun wäre: Der Studienzugang muss reguliert werden - aber ohne die verbotene Diskriminierung der Nichtösterreicher. Sondern durch Aufnahmsprüfungen, durch Reihung nach den Noten des Maturazeugnisses oder ähnliche Maßnahmen. Aber statt einer eingehenden Diskussion über die effizienteste Methode schiebt jeder den Ball weiter: die Regierung den Unis, und diese dem Gesetzgeber. Die Rektoren diskutieren Modelle, in denen erst nach sechs(!) Semestern über die weitere Studienberechtigung entschieden würde. Die SPÖ glaubt gar, die EU zum Verzicht auf das Kernstück der Integration, nämlich die Gleichbehandlung aller EU-Bürger, zwingen zu können. Und sonst warten wir halt untätig, bis die Katastrophe eingetreten ist. Verantwortlich ist ja niemand.

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Es gibt aber auch durchaus erfreuliche Meldungen. Wenn der Wiener Börseindex, der jahrelang bei der Ausgangsmarke 1000 herumgegrundelt ist, plötzlich die 3000er Grenze übersteigt, und wenn dieses jahrelang als Todeskandidat gehandelte Institut nun eine Mitteleuropa-Börse aufbaut, dann ist schon eine gründliche Wende geglückt. Brauchen wir aber überhaupt eine Börse? Eine legitime Frage. Die freilich gleichbedeutend ist mit der nächsten: Wollen wir nicht lieber etwas ärmer sein?

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Von der Wirtschaftskammer bis zu den Bauern wollen nicht ganz einflussarme Gruppen im gegenwärtigen EU-Disput, dass Österreich höhere Beiträge zur EU zahlt. Ganz uneigennützig tun sie das nicht. Ein Teil der Mittel fließt ja über diverse Förderprogramme in der Tat wieder nach Österreich zurück. Aber eben nur ein Teil. Auch wenn man die kleinliche Neidkampagne des Boulevards gegen die EU ablehnt, und auch wenn man viel Sympathie für - befristete - Bedürfnisse der neuen EU-Länder hat (weniger dafür, dass Italien, Griechenland, Spanien und Portugal offenbar auf ewig am EU-Tropf hängen wollen), so mag man doch nicht mit Milchmädchenrechnungen hineingelegt werden. Österreich ist Nettozahler und nicht Nettokassierer.

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