"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Spaghetti statt Sauerkraut" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 17.06.2005

Wien (OTS) - Bisher pilgerte BankAustria-Generaldirektor Erich Hampel zur Muttergesellschaft nach München, um sich seine Instruktionen zu holen. Wenn die Übernahme der maroden HVB durch die italienische UniCredit tatsächlich klappt, muss er künftig Flüge nach Mailand buchen.
Über den österreichischen Markt wird bei den Strategiesitzungen nur selten gesprochen werden. Der ist für die Italiener ziemlich uninteressant. Sie haben die HVB gekauft, um das lukrative Ostgeschäft der BankAustria-Creditanstalt in die Hand zu bekommen. Die schwer defizitären Deutschland-Aktivitäten der Münchner Bank sind überhaupt nur Ballast, der durch radikales Abspecken des Personalstands schnell abgebaut werden soll.
Nüchtern betrachtet wird das einstige Flaggschiff der österreichischen Bankenszene also demnächst zur Ost-Zentrale der UniCredit; aus bloßer Tradition wird die Bank auch weiterhin die Finanzgeschäfte ihrer Kunden zwischen Wien und Bregenz betreuen dürfen. Wer nach Erich Hampel der nächste Chef der BA-CA wird, ist offen. Vielleicht wird er aus Wien kommen, vielleicht aus London, aus Frankfurt oder Mailand. Österreich-Kompetenz wird nicht die Voraussetzung sein, die er für den Job braucht.
Grundsätzlich ist es für die BankAustria-Creditanstalt besser, die Tochter einer florierenden italienischen und nicht einer maroden Münchner Bank zu sein. Insofern sind Spaghetti statt Sauerkraut die gesündere Kost. Andererseits werden die BA-CA-Aktien bald zum zweiten Mal und diesmal endgültig vom Kurszettel der Wiener Börse verschwinden.
Damit bestätigt sich, was die Spatzen längst von den Dächern pfeifen:
Der Zusammenschluss von Länderbank und Zentralsparkasse zur BankAustria (1991), die nachfolgende Übernahme der Creditanstalt (1997) und der Verkauf der daraus entstandenen BA-CA an die HVB (2000) stellen das unrühmlichste Kapitel der österreichischen Bankengeschichte seit dem Crash der Creditanstalt im Mai 1931 dar. SPÖ und ÖVP teilen sich ungeachtet gegenseitiger Schuldzuweisungen die Verantwortung für das Debakel. Manches war nicht vorhersehbar, als der damalige BA-CA-Chef Gerhard Randa die privatisierte Großbank vor fünf Jahren nach München verkauft hat. Hätte sich die Politik nicht ständig eingemischt, wären BankAustria und Creditanstalt aber trotz mancher "Leichen im Keller" auch unter österreichischer strategischer Führung nicht bloß lebensfähig, sondern vermutlich auch erfolgreich gewesen.
Die Moral von der tristen Geschichte: Nachher ist man immer klüger. Dass aber Privatisierung und Verkauf des Familiensilbers ans Ausland nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss sein müssen, dürfen unsere Wirtschaftspolitiker ruhig für die Zukunft mitnehmen.

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