- 09.06.2005, 17:00:00
- /
- OTS0295 OTW0295
"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Die Bahn als Nahversorger" (Von Kurt Horwitz)
Ausgabe vom 10.06.2005
Wien (OTS) - Martin Huber ist ein mutiger Mann. Der neue ÖBB-Chef
will nicht nur 30 bis 50 Bahnhöfe im ganzen Land mit attraktiven
Geschäften aufmöbeln und auf diese Weise zu Nahversorgern machen; er
fordert für diese Bahnhofsgeschäfte auch die vollständige
Liberalisierung der Öffnungszeiten.
Setzt sich Huber durch, dann werden wir in Österreich bald die ganze
Woche rund um die Uhr an Tankstellen, in Bahnhöfen und Flughäfen
einkaufen können - nur nicht dort, wo man es eigentlich erwarten
würde: Im ganz normalen Einzelhandel.
Die derzeitigen Beschränkungen sind ziemlich scheinheilig. Während
beispielsweise Stifte und Klöster auch an Sonntagen Schnäpse, Wein
und ähnliche "geistige Nahrung" feilbieten, ist das Angebot auf
Bahnhofs-Supermärkten außerhalb der regulären Öffnungszeiten auf
maximal 80 Quadratmeter beschränkt. Eine Spar-Filiale am neuen Linzer
Hauptbahnhof bekam das in Form von Verboten und Strafen schon
schmerzhaft zu spüren, als sie ihren Kunden mehr bieten wollte als
die nächstgelegene Tankstelle.
Ginge es wirklich vorrangig um das Familienleben der Angestellten,
müsste man auch Kellnern und Bademeistern, Eisenbahnern,
Buschauffeuren, Tankwarten, Polizisten, Ärzten und Krankenschwestern
ungestörte Sonntagsruhe verordnen. Aus österreichischen
Fremdenverkehrsorten und aus Nachbarländern, in denen es keinen
staatlich verordneten Ladenschluss gibt, sind weder höhere
Scheidungsraten noch unglücklichere Familienverhältnisse bekannt.
Ähnliches gilt für die Inhaber jener Geschäfte, in denen unsere
Großeltern am Sonntag nach dem Kirchgang entweder ganz offen oder
beim Hintereingang eingekauft haben.
Der Ball liegt jetzt bei den Ländern. Die hätten schon jetzt auf
Grund der gesetzlichen Vorschriften die Möglichkeit, freizügige
Ladenöffnungszeiten zuzulassen. Ob der Handel sie nützt und ob die
Kunden sie annehmen, muss in einer Marktwirtschaft nicht staatlich
geregelt werden.
In Österreich dominiert allerdings immer noch die Angst vor dem
Wettbewerb. Das zeitigt dann Auswüchse wie in Alberschwende im
Bregenzerwald, wo die geplante Öffnung eines Diskonters mit dem
Einwand bekämpft wurde, dass dadurch die Existenz kleiner
Einzelhändler gefährdet wäre. Abgesehen davon, dass es solche Lädele
- leider! - kaum mehr gibt, könnte man auch genau umgekehrt
argumentieren.
Wenn die Kunden Waschmittel und Getränke billig in der unmittelbaren
Umgebung bekommen, brauchen sie nicht kilometerweit bis zum nächsten
Supermarkt fahren. Sie bleiben im Ort und kaufen dort künftig
vielleicht auch höherwertige Produkte. Das haben selbst die bisher
eher diskontfeindlichen "Grünen" eingesehen und gegen den Supermarkt
keine Einwendungen erhoben.
Bevor wir uns vollends ans Einkaufen an Tankstellen, in Bahnhöfen und
im benachbarten liberaleren Ausland gewöhnen, sollten die
Öffnungszeiten auch in Österreich neu überdacht werden. ÖBB-Chef
Martin Huber hat der Politik mit seinem ebenso mutigen wie
egoistischen Vorstoß einen wichtigen Denkanstoß gegeben.
Rückfragehinweis:
Vorarlberger Nachrichten
Chefredaktion
Tel.: 0664/80588382
OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PVN






