Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Kontroverse bei den Mediengesprächen in Dürnstein:
Wie weit dürfen Journalisten ins Privatleben eindringen - etwa in jenes von Karl Heinz Grasser? Es ist wohl so: Ein Minister, der wie ein Gymnasiast auf einem Flughafen herumknutscht, darf sich nicht wundern, wenn Fotos von dieser Knutscherei irgendwie in die Medien gelangen.

Etwas anderes ist es, wenn Fotografen mit Mega-Teleobjektiven optisch in ein Privatgrundstück eindringen und den Minister dort bei erotischen Szenen knipsen. Das ist ein Skandal, auch wenn etliche Medien viel Geld für solche Fotos zahlen. Geradezu kindisch ist es, wenn manche die Vogelfreiheit des Grasser’schen Intimlebens damit begründen wollen, dass er einmal selbst seine Baby-Fotos im Internet hergezeigt hat. Das hieße ja: Wenn man ein einziges Mal ein Privatfoto herzeigt, hat man seine Privatheit verwirkt. Dann wäre wohl auch der Bundespräsident vogelfrei, nur weil er - aus welchen Gründen immer - ständig händchenhaltend mit seiner Frau öffentlich auftritt.

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"Aufstand gegen Europa - Die Diktatur der Bürokraten". Der Cover des neuen "Spiegel" hat schon was. Freilich hat er auch ein paar Fragen ausgelöst: Wie viele der bürokratischen Überflüssigkeiten Europas etwa gibt es nicht zuletzt der Medien wegen, die bei jedem Problem sofort nach Regelung rufen? Und wenn man die Bürokratie der EU mit jener der Stadt Wien vergleicht, dann ist jene ja geradezu privatwirtschaftlich schlank.

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Nach dem Schock beginnt in Europa die Phase der Schuldzuschreibung. Wenn aber nun alle über Tony Blair herfallen, weil er sein Verfassungsreferendum absagt, dann ist das unfair. Durch das Referendum würde die Europa-Ablehnung der Briten wohl von 70 auf 90 Prozent hochgetrieben. Solange nicht einmal die Übereuropäer in Frankreich und Holland ein "Ja" schaffen, sollte man Blair in Ruhe lassen. Er war wenigstens immer schon ehrlich. Und daher skeptisch.

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Ein Fortschritt bei allen Rückschlägen für Europa: Künftig ohne Pass in die Schweiz - freilich skurrilerweise nur dann, wenn die Schweizer in einem zweiten Referendum im Herbst auch der Passfreiheit für die neuen Europäer zustimmen. Wer einmal nach Vorarlberg geflogen ist und seinen Pass vergessen hat, weiß eine solche Öffnung jedenfalls zu schätzen. Und jeder Vorarlberger sowieso.

Vielleicht schaffen die Schweizer die Annäherung an die EU leichter, wenn diese sich nun offenbar zu einem nur noch relativ lockeren Verein rückentwickelt.

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