- 06.06.2005, 17:56:04
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Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar
Wien (OTS) - Kontroverse bei den Mediengesprächen in Dürnstein:
Wie weit dürfen Journalisten ins Privatleben eindringen - etwa in
jenes von Karl Heinz Grasser? Es ist wohl so: Ein Minister, der wie
ein Gymnasiast auf einem Flughafen herumknutscht, darf sich nicht
wundern, wenn Fotos von dieser Knutscherei irgendwie in die Medien
gelangen.
Etwas anderes ist es, wenn Fotografen mit Mega-Teleobjektiven
optisch in ein Privatgrundstück eindringen und den Minister dort bei
erotischen Szenen knipsen. Das ist ein Skandal, auch wenn etliche
Medien viel Geld für solche Fotos zahlen. Geradezu kindisch ist es,
wenn manche die Vogelfreiheit des Grasser’schen Intimlebens damit
begründen wollen, dass er einmal selbst seine Baby-Fotos im Internet
hergezeigt hat. Das hieße ja: Wenn man ein einziges Mal ein
Privatfoto herzeigt, hat man seine Privatheit verwirkt. Dann wäre
wohl auch der Bundespräsident vogelfrei, nur weil er - aus welchen
Gründen immer - ständig händchenhaltend mit seiner Frau öffentlich
auftritt.
*
"Aufstand gegen Europa - Die Diktatur der Bürokraten". Der Cover
des neuen "Spiegel" hat schon was. Freilich hat er auch ein paar
Fragen ausgelöst: Wie viele der bürokratischen Überflüssigkeiten
Europas etwa gibt es nicht zuletzt der Medien wegen, die bei jedem
Problem sofort nach Regelung rufen? Und wenn man die Bürokratie der
EU mit jener der Stadt Wien vergleicht, dann ist jene ja geradezu
privatwirtschaftlich schlank.
*
Nach dem Schock beginnt in Europa die Phase der
Schuldzuschreibung. Wenn aber nun alle über Tony Blair herfallen,
weil er sein Verfassungsreferendum absagt, dann ist das unfair. Durch
das Referendum würde die Europa-Ablehnung der Briten wohl von 70 auf
90 Prozent hochgetrieben. Solange nicht einmal die Übereuropäer in
Frankreich und Holland ein "Ja" schaffen, sollte man Blair in Ruhe
lassen. Er war wenigstens immer schon ehrlich. Und daher skeptisch.
*
Ein Fortschritt bei allen Rückschlägen für Europa: Künftig ohne
Pass in die Schweiz - freilich skurrilerweise nur dann, wenn die
Schweizer in einem zweiten Referendum im Herbst auch der Passfreiheit
für die neuen Europäer zustimmen. Wer einmal nach Vorarlberg geflogen
ist und seinen Pass vergessen hat, weiß eine solche Öffnung
jedenfalls zu schätzen. Und jeder Vorarlberger sowieso.
Vielleicht schaffen die Schweizer die Annäherung an die EU
leichter, wenn diese sich nun offenbar zu einem nur noch relativ
lockeren Verein rückentwickelt.
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