"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Spaßfaktor in der Politik und das Leiden an der Lust" (von Claudia Gigler)

Ausgabe vom 6.6.2005

Graz (OTS) - Politikwissenschafter bezeichnen die steirische Landtagswahl im kommenden Herbst als einen der spannendsten Urnengänge in der Zweiten Republik. Der Grund: Noch nie hätten so viele Parteien so gute Chancen gehabt, eine relevante Größe zu erreichen und ins Landesparlament einzuziehen.

Die diversen Um- und Neugründungen der Parteien dokumentieren ein neues Maß an Orientierungslosigkeit in der Politik. Was Jörg Haider über Jahre hinweg maßgeblich unterschieden hat von der Konkurrenz, war die Entdeckung des Spaßfaktors für die Politik. Er scherte sich keinen Deut um Programme und Ideologien, im Zweifelsfall auch nicht darum, was er selbst gesagt hat am Tag zuvor. Die Pointe zählte, und sie zog. Jugendliche Gefolgsleute sammelten sich bei ihm wie die Motten beim Licht, weil er anders war, weil es lustig war, weil der Schmäh zählte und weil man sich bei den Erfolgreichen wähnte.

Aus dem Spaß wurde Ernst, und mit dem Ernst der Regierungsarbeit nahm sich die Partei selbst in die Pflicht. Der Alleinunterhalter als Zugpferd hatte ausgedient, und die Reprise nach dem Austausch des Publikums hat einen schalen Geschmack. Die Zeit Jörg Haiders ist nach nahezu 20 Jahren zumindest österreichweit vermutlich vorbei. Das BZÖ vermittelt Leiden, nicht Lust.

Gerhard Hirschmann kommt das Verdienst zu, seiner Partei, der ÖVP, über Jahre hinweg das Image verliehen zu haben, dass es dort jenseits des Ernstes der landespolitischen Regierungsarbeit noch ein politisch lustigeres Leben gibt. Nach dem Abgang aus der ÖVP drängt sich der Verdacht auf, dass das spontane Experiment zum Selbstzweck erhoben wird, die Pointe zum Programm. Gerhard Hirschmanns Hingabe an die eigene Phantasie und an die Provokation ist eine Passion, er deklariert vom Start weg seine Person als Hauptprogramm. Die Liste Hirschmann vermittelt Lust, doch sie leidet unter mangelndem Vertrauen in Bezug auf die Hingabe an die Pflicht.

Als die Spontis unter den Politikern galten einmal die Grünen, die verlorene Spontaneität macht sie offenbar fad fürs Publikum. Den Spaßfaktor bringen sie selten drüber, den sittlichen Ernst nimmt man ihnen zu wenig ab. Im Falle der KPÖ haben sich die Wähler in Graz einen Spaß mit einer Partei gemacht.

Spaßig ist der Gag ja, aber selten hält er länger als einen Abend lang. Im Falle der Politik hält er zumindest eine Periode, wenn er bei den Wählern zieht. Nächste Wahl, neuer Gag. Die bessere Pointe zieht.****

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