• 27.05.2005, 21:12:49
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Eine Überlebensfrage: Der Staat muss Eltern radikal privilegieren" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 28.05.2005

Graz (OTS) - Auch wenn die Republik jung ist, das Land sieht alt
aus: Jeder dritte Österreicher wird in 30 Jahren älter als sechzig
sein (Seite 11). Die Alterspyramide ist keine mehr, eher eine
Williamsbirne: Unten, bei den Jungen, ganz schmal und oben
dickbäuchig.

Was bedeutet die neue Prognose, die so neu nicht ist? Sie macht
zunächst auf der psychologischen Ebene ein radikales Umdenken
notwendig: Wenn immer mehr Menschen immer älter werden, ist es ein
Gebot der Depressionsprophylaxe und des Überlebensinstinkts, Alter
neu zu denken und sich von den negativen Bildern des Alters
Krankheit, Scham, Schuld zu lösen. Ein 65-Jähriger ist so gut drauf
wie ein Vierziger im 19. Jahrhundert.

Heißt: Nur wenn diese Gesellschaft den Jugendwahn und den sozialen
Terror der Altersangst überwindet, wird sie mit dem Prozess des
weltweiten Alterns innerlich fertig werden: Eine der Kernthesen in
Frank Schirrmachers Bestseller "Das Methusalem-Komplott".

Noch viel schwieriger ist das Problem, wie die Gesellschaft mit der
Überalterung finanziell fertig werden soll. Sie unterspült die
Fundamente des Sozialstaates und macht den Generationenvertrag zum
Sprengsatz zwischen Jung und Alt: Eine große Zahl abhängiger,
nicht mehr arbeitender Menschen wird künftig von einer kleinen Zahl
Arbeitender ernährt werden. Die Jüngeren werden entweder unter der
Last kollabieren oder sich gegen diese auflehnen, weil ihnen klar
ist, dass der Generationenvertrag für sie im Alter keinen Schutz
bieten wird.

Die Politik weiß seit zwei Jahrzehnten, dass die Pyramide bröckelt
und hat mit den Sicherungsmaßnahmen viel zu spät begonnen.
Ideologischer Ballast hemmt zusätzlich wirksames Gegensteuern. Auf
der Rechten alimentiert man das (mütterliche) Daheimbleiben und auf
der Linken heißt es, den Staat gehe es nichts an, ob man sich für ein
Kind entscheidet und avantgardistischer sei eh ohne. Das ist
selbstruinös. Der Staat hat, will er sich am Leben erhalten, alles zu
tun, um das Ja zum Kind zu erleichtern. Er muss Eltern privilegieren,
und zwar radikal. Das tut er nicht.

Die Jungen sind nicht lauter Ich-AGler; alle Studien zeigen: Sie
sagen Ja zum Kind, wenn das Ja mit dem Ja zum Beruf vereinbar ist.
Die Wirklichkeit, auf die sie stoßen: fehlende Krabbelstuben,
sündteure Kindergärten, Unternehmen, die von Betriebskindergärten
reden und sie nicht errichten, und Schulen, die die Kinder zu Mittag
in leere Elternhäuser entlassen oder sie gegen Geld still
beschäftigen.

Das Land sieht alt aus? Wundern muss man sich nicht.

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
mailto:[email protected]
http://www.kleinezeitung.at

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