• 12.05.2005, 17:00:00
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"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Abkassiert" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 13.05.2005

Wien (OTS) - Wenn an den Börsen groß abkassiert wird, verdienen
die Reichen - und die gierigen Trittbrettfahrer sind in großer
Gefahr, ihr Geld zu verlieren. Derzeit ist es wieder einmal soweit:
Erstmalige Börsengänge - im Fachjargon auch Neuemissionen oder IPOs
(Initial Publik Offerings) genannt - und Kapitalerhöhungen boomen wie
nie zuvor seit dem Platzen der Internet-Blase vor fünf Jahren.
Bleiben wir in Österreich: Da hat sich Raiffeisen International eben
erst über die Börse mehr als Milliarde Euro besorgt, Böhler-Uddeholm
ließ sich die Ausgabe von Aktien im Volumen von 250 Millionen Euro
genehmigen, die Wiener Städtische Versicherung bereitet einen
Börsegang vor, die Immofinanz hat durch eine Kapitalerhöhung 579
Millionen Euro aufgebracht und auch die Vorarlberger Hypo Equity
Management denkt über eine Aktienfinanzierung nach.
Das ist aber noch nicht alles. Auffällig sind auch langfristige
Verschuldungen wie die Begebung einer hypothekarisch besicherten
Anleihe über 250 Millionen durch die Immofinanz. Wer sich heute zu
einem Fixzins auf zehn Jahre verschuldet, will dadurch steigenden
Zinsen entgehen. Für den Käufer wären solche Geldanlagen hingegen nur
ein Gewinn, wenn die Zinsen gleich bleiben oder gar sinken.
Ähnlich ist die Situation an den Börsen. Vernünftig kalkulierende
Unternehmen besorgen sich Aktienkapital entweder dann, wenn sie es
wirklich dringend brauchen - oder sie nützen die Gunst der Stunde, um
eine außergewöhnlich günstige Stimmung der Anleger auszunützen. Am
besten fährt, wer am Höhepunkt einer Hausse Aktien ausgibt: Dann sind
die Anleger in Kaufstimmung und auch bereit, relativ hohe
Ausgabekurse zu akzeptieren.
Die Finanzmanager der genannten Unternehmen sind unstrittig
hervorragende Experten. Wenn sie just jetzt aktiv werden, lässt das
nur einen Schluss zu: Sie rechnen mittelfristig mit stagnierenden
oder jedenfalls nicht rasant weiter kletternden Aktienkursen und mit
steigenden Anleihezinsen.
Die Gier der Anleger kommt ihnen entgegen: Der Höhenflug der Wiener
Börse motiviert offenbar viele Sparer dazu, ihr Glück auf dem
Aktienmarkt zu versuchen. Typisch dafür ist der Boom bei so genannten
"fondsgebundenen Lebensversicherungen", während die typischen
Kapitalversicherungen mit ihren geringeren, dafür aber garantierten
Erträgen seit einiger Zeit weniger gefragt sind.
Ob die Rechnung der Finanzmanager oder die der Anleger aufgegangen
ist, werden wir erst in einigen Monaten wissen. Die Alarmglocken
läuten jedenfalls vernehmlich. Wer sie bewusst ignoriert, kann
durchaus gewinnen; wer sie einfach nicht hören will, kann schnell zum
Feind des eigenen Geldes werden.

Rückfragehinweis:
Vorarlberger Nachrichten
Chefredaktion
Tel.: 0664/80588382

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