"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Abkassiert" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 13.05.2005

Wien (OTS) - Wenn an den Börsen groß abkassiert wird, verdienen die Reichen - und die gierigen Trittbrettfahrer sind in großer Gefahr, ihr Geld zu verlieren. Derzeit ist es wieder einmal soweit:
Erstmalige Börsengänge - im Fachjargon auch Neuemissionen oder IPOs (Initial Publik Offerings) genannt - und Kapitalerhöhungen boomen wie nie zuvor seit dem Platzen der Internet-Blase vor fünf Jahren. Bleiben wir in Österreich: Da hat sich Raiffeisen International eben erst über die Börse mehr als Milliarde Euro besorgt, Böhler-Uddeholm ließ sich die Ausgabe von Aktien im Volumen von 250 Millionen Euro genehmigen, die Wiener Städtische Versicherung bereitet einen Börsegang vor, die Immofinanz hat durch eine Kapitalerhöhung 579 Millionen Euro aufgebracht und auch die Vorarlberger Hypo Equity Management denkt über eine Aktienfinanzierung nach.
Das ist aber noch nicht alles. Auffällig sind auch langfristige Verschuldungen wie die Begebung einer hypothekarisch besicherten Anleihe über 250 Millionen durch die Immofinanz. Wer sich heute zu einem Fixzins auf zehn Jahre verschuldet, will dadurch steigenden Zinsen entgehen. Für den Käufer wären solche Geldanlagen hingegen nur ein Gewinn, wenn die Zinsen gleich bleiben oder gar sinken.
Ähnlich ist die Situation an den Börsen. Vernünftig kalkulierende Unternehmen besorgen sich Aktienkapital entweder dann, wenn sie es wirklich dringend brauchen - oder sie nützen die Gunst der Stunde, um eine außergewöhnlich günstige Stimmung der Anleger auszunützen. Am besten fährt, wer am Höhepunkt einer Hausse Aktien ausgibt: Dann sind die Anleger in Kaufstimmung und auch bereit, relativ hohe Ausgabekurse zu akzeptieren.
Die Finanzmanager der genannten Unternehmen sind unstrittig hervorragende Experten. Wenn sie just jetzt aktiv werden, lässt das nur einen Schluss zu: Sie rechnen mittelfristig mit stagnierenden oder jedenfalls nicht rasant weiter kletternden Aktienkursen und mit steigenden Anleihezinsen.
Die Gier der Anleger kommt ihnen entgegen: Der Höhenflug der Wiener Börse motiviert offenbar viele Sparer dazu, ihr Glück auf dem Aktienmarkt zu versuchen. Typisch dafür ist der Boom bei so genannten "fondsgebundenen Lebensversicherungen", während die typischen Kapitalversicherungen mit ihren geringeren, dafür aber garantierten Erträgen seit einiger Zeit weniger gefragt sind.
Ob die Rechnung der Finanzmanager oder die der Anleger aufgegangen ist, werden wir erst in einigen Monaten wissen. Die Alarmglocken läuten jedenfalls vernehmlich. Wer sie bewusst ignoriert, kann durchaus gewinnen; wer sie einfach nicht hören will, kann schnell zum Feind des eigenen Geldes werden.

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