Psychiater Wuschitz zu Depressionen: "Das Arbeitsmarktservice ist unser größter Einzelkunde"

Wien (OTS) - Die Arbeitslosigkeit steigt in Österreich. Mit ihr auch die Zahl der Menschen, die an Depressionen leiden. "Arbeitslose sind doppelt so gefährdet an einer Depression zu erkranken wie ihre berufstätigen Altersgefährten", sagt Facharzt Dr. Albert Wuschitz.

Ein deutliches Ansteigen der Depression unter Arbeitslosen registriert Albert Wuschitz, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. "Inzwischen ist jeder Sechste meiner Patienten arbeitslos. Die Entwicklung ist alarmierend", sagt Wuschitz.

15 Prozent von Wuschitz' Patienten im ersten Quartal hatten einen Krankenschein vom Arbeitsmarktservice (AMS). Diese Zahl ist für ihn bezeichnend. Denn: "Die Arbeitslosigkeit liegt in Österreich aktuell bei 7,8 Prozent. Aber für Menschen ohne Beschäftigung ist das Risiko an einer Depression zu erkranken doppelt so hoch wie für Menschen mit einem Arbeitsplatz." Besonders betroffen sind Menschen, die einmal ein sehr gutes Einkommen hatten.

Von Kollegen weiß Wuschitz, dass auch bei Ihnen die Situation ähnlich ist. "Auch meine Kollegen registrieren, dass das AMS mittlerweile einer unserer wichtigsten Arbeitgeber ist."

Dr. Gerhard Sobotka ist Allgemeinmediziner in Wien Favoriten. Er kann den Trend bestätigen; auch von seinen Patienten sind viele arbeitslos. "Von diesen Menschen sind etwa die Hälfte von Depressionen betroffen. Anhaltende Arbeitslosigkeit stellt für arbeitswillige Menschen ein massives Problem dar."

Beschäftigungstherapie statt Arbeitsplatz

Das Arbeitsmarktservice ist für Sobotka eine Institution, die die Situation der Arbeitslosen nicht notwendigerweise verbessert: "Das AMS bietet zwar viele Kurse an, die sehr teuer sind, aber in Wirklichkeit keine Besserungen für die Menschen bringen. Das Belegen von Kursen ist eine Beschäftigungstherapie, aber keine Garantie für einen Arbeitsplatz. Für die öffentliche Hand sind die Kurse nur insofern sinnvoll, weil die Teilnehmer aus der Arbeitslosenstatistik herausfallen."

Wirkliche Hilfe biete das Arbeitsmarktservice nicht an. Dr. Sobotka über seine Erfahrungen: "Mir hat noch kein einziger Arbeitsloser erzählt, das AMS hätte ihm weitergeholfen. Im Gegenteil. Die Menschen, die auf das AMS angewiesen sind, sind arm dran. Diese Aussichtslosigkeit kann das Risiko für Depressionen nur erhöhen."

Vom AMS zum Psychiater

Der Psychiater Wuschitz beschreibt die Entwicklung vom Beginn der Arbeitslosigkeit bis zum Ausbrechen der Depression folgendermaßen:

"Viele Menschen, die unerwartet arbeitslos werden, gehen zunächst mit sehr viel Elan daran, eine neue Stelle zu finden. Aber mit der Zahl der Absagen nimmt der Verlust des Selbstwertgefühls zu. Die Menschen hören ständig, dass sie entweder zu jung oder zu alt und immer öfter, dass sie überqualifiziert seien."

In der nächsten Phase fühlen sich die Menschen nach einigen Monaten entwertet, nutzlos und überflüssig. Wuschitz: "Das kostet Selbstsicherheit und schürt Zukunftsängste."

Betroffen sind nach Wuschitz' Beobachtung vor allem arbeitslose Menschen ab dem 40. Lebensjahr. Wuschitz: "Die Vermittlung wird schwieriger, weil viele Unternehmen oft nur noch billige Arbeitskräfte aufnehmen, die entsprechend ausgebeutet werden."

"Je älter die Arbeitssuchenden, desto weniger haben sie eine Chance, wieder Beschäftigung zu finden", bestätigt Dr. Sobotka. Es sei auch schon oft der Fall gewesen, dass Patienten nach einer Krankschreibung beim nächsten Arztbesuch von ihrer Kündigung erzählt hätten. "Auswirkungen wie psychosomatische Beschwerden sowie Depressionen sind in diesen Fällen besonders häufig die Konsequenz."

Patientin: "Oft keine Reaktionen auf Bewerbungen"

Eine Betroffene ist Magda Schendler (Name geändert). Die Maturantin ist kultiviert, aber seit drei Jahren arbeitslos. Ihr Arbeitswille ist intakt. Jede Woche bewirbt sie sich auf mindestens zwei Stelleninserate. Das Ergebnis ist für sie frustrierend, weil "inzwischen die Reaktionen der Unternehmen auf die Bewerbung ausbleiben. Es gibt überhaupt kein Feedback mehr."

Die Chance auf ein persönliches Vorstellungsgespräch schwindet ebenfalls. Das letzte Bewerbungsgespräch hatte Magda Schendler im November 2004. "Da ist es kein Wunder, dass man depressiv wird", sagt sie.

Heraus aus der Selbstisolation

Albert Wuschitz erfährt jeden Tag von Schicksalen wie diesem. Der Arzt erläutert: "Viele meiner arbeitslosen Patienten fühlen sich vom AMS inzwischen nur noch verwaltet, aber nicht mehr unterstützt. Wir müssen den Menschen ohne Arbeit aber zeigen, dass sie mit ihrem Problem nicht alleine sind."

Um das zu erreichen, schlägt Wuschitz vor, dass das "AMS Selbsthilfegruppen für Menschen mit Depressionen und für alle Arbeitslosen möglich machen sollte. Dort finden diese Menschen andere in ähnlicher Situation. Gemeinsam können diese Menschen wieder aus ihrer Selbstisolation herausfinden und neue Hoffnung schöpfen."

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