DER STANDARD-Kommentar "Die Saisonalkulturarbeiter" von Ronald Pohl

Intendanten ohne Grenzen: Die "Wiener Festwochen" und ihre Leiter - Ausgabe vom 23./24.4.2004

Wien (OTS) - Es hätte das Direktionspodium der Wiener Festwochen noch ausnehmender geschmückt, wenn aus Anlass der (eigentlich wievielten?) Programmpräsentation 2005 auch Opernchef Stéphane Lissner Zeit gefunden hätte, für den von ihm verantworteten Programmzweig mit hilfreichen oder auch nur stolzen Erklärungen physisch einzustehen. Das ging leider nicht: Lissner wurde gerade in Mailand, wo die weltberühmte, aber hoch verschuldete Scala sich seiner viel gefragten Dienste versicherte, von Kamerateams umringt.

Die Pointe eines Kulturmanagementwesens, das sich auf immer weniger Köpfe beschränkt, die wie Spielmarken über die Festivallandkarten geschoben werden, liegt in der flächendeckenden Verschaltung einer tatsächlich "global" gemeinten Ästhetik.

Lissner ermöglicht in Aix-en-Provence Opernproduktionen, mit denen sich auch die Festwochen schmücken lassen. Schon weil in der luftgeisterhaften Gestalt von Intendant Luc Bondy ein Regisseur in Südfrankreich tätig ist, der in Wien, wo er die Leitungsgeschäfte versieht, als Einkäufer und Verwertungsagent seiner eigenen Produktionen das heimische Festival mit viel kosmopolitischem Flair versieht.

Hinter solchen üblich gewordenen Operationen einer symbolischen, auf Image-Putz gerichteten Standortsicherung stehen aber auch Realien. Ganzjährig beschäftigte Vertragsbedienstete eines hoch dotierten Festivals finden genügend Zeit und Muße, sich andernorts mit den kompliziertesten Materialien und Stoffen zu beschäftigen.

Selten wurde das quecksilbrige Phänomen der Saisonalarbeit derart zweideutig etikettiert. Monsieur Lissner wird im Mai, wenn die Festwochen in Wien gerade heißlaufen, an der Scala nach dem Rechten sehen - und den angeschlagenen Mailändern irgendwie helfen, das Mozartjahr 2006 würdig einzuläuten.

Nun wurde dem Ämter-Multi (Lissner) sogar von seinem Intendanten (Bondy) bedeutet, er möge sich wenigstens von einer der drei aufgebürdeten Managementwürden trennen. Es nimmt sich schon ein wenig verwunderlich aus, dass sich der Subventionsgeber in Gestalt des Wiener Kulturstadtrats schon andeutungsweise auf Koproduktionen mit der Scala freut, noch ehe überhaupt klar ist, wofür Lissners so quälend mehrfach gespaltenes Herz denn nun eigentlich schlägt.

Immer häufiger steht der Beobachter, dem es doch nur um die Entdeckung ästhetischer Freuden ginge, vor den Kumulationshäufchen von Verantwortlichkeiten - und einer parallel dazu schwindenden Kunstbedeutung. Die Regie- und Intendanzmärkte bringen, wiewohl sie doch ausschließlich aus öffentlicher Hand gespeist werden, Konkurrenz- und Monopolsituationen hervor, die die Nachfrage - und damit auch den Absatz - garantieren.

Wie Autokraten werden jene Regisseure gehandelt, die sich ihre lukrativen Gagen von rund 100.000 Euro durch zusatzmusikalische Bonifikationen aufbessern, ihre von ihnen kaum benützten Intendantensessel bereitwillig vergolden lassen. Managementdirektoren halten die Leitungsbefugnis von Theatern gleich im Halbdutzend.

Diese Überhitzungen eines völlig auf sich selbst verwiesenen Marktes wären nicht des Achselzuckens wert, wenn nicht andauernd das Argument der "Weltläufigkeit" ins Spiel gebracht würde: als ewige Mahnung an die im Grunde ihres Herzens verstockten Konsumenten, nur ja nicht das Staunen zu verlernen, wenn über leidlich interessanten Objekten der Schaulust das Etikett "Festwochen" darüberklebt.

Eine solche Kritik erscheint angesichts des aktuellen Festwochen-Programms nicht einfach an den Haaren herbeigezogen: Man hat das Kartenangebot von rund 70.000 auf 52.000 Tickets ordentlich gedrosselt, man bietet sichere Renner wie Dantons Tod in der Regie von Christoph Marthaler gerade zwei Mal an - die zweite Aufführung als Nachmittagsvorstellung, was auch jene freut, die sich ihre mit der Familie zu verbringenden Tage vom Munde absparen.

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