- 19.04.2005, 18:54:04
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BUCHPRÄSENTATION: DER MILITÄRISCHE WEG ZUM STAATSVERTRAG Werk über B-Gendarmerie und Waffenlager im Parlament vorgestellt
Wien (PK) – Nationalratspräsident Andreas Khol begrüßte heute
Nachmittag im Parlament ein zahlreiches und prominentes Publikum zur
Präsentation eines von den Militärhistorikern Walter Blasi, Erwin A.
Schmidl und Felix Schneider im Böhlau Verlag herausgegebenen Buches
mit dem Titel „B-Gendarmerie, Waffenlager und Nachrichtendienste. Der
militärische Weg zum Staatsvertrag". Hinter diesem trockenen Titel
verberge sich ein spannend zu lesendes Buch über eine bisher kaum
beleuchtete Epoche unserer Geschichte, sagte der Präsident. Auch er
sei bisher gewohnt gewesen, das Jahr 1945 als Endpunkt des NS-
Zwangsregimes und die Jahre bis zum Staatsvertrag im Jahr 1955 als
Aufbauphase zu sehen. Das neue Buch zeige, dass Österreich damals in
den strategischen Planungen der Alliierten als Aufmarschgebiet für
einen Partisanenkrieg gedacht war, führte der Nationalratspräsident
an Hand des neuen Werkes aus. Angesichts der von den Historikern
präsentierten Fakten sollte man einmal mehr dankbar sein, dass es
Österreich gelungen sei, seinen Weg über die Erlangung des
Staatsvertrages in die Unabhängigkeit und letztlich in die
Friedensgemeinschaft der Europäischen Union zu gehen.
Abgeordneter Walter Tancsits würdigte die Leistung der Herausgeber
und Autoren des Buches, die zeigen, wie sehr die
Verteidigungsfähigkeit Österreichs für die West-Alliierten eine
Voraussetzung für die volle Freiheit Österreichs dargestellt habe.
Man sehe nun, dass die Fähigkeit, sich wehren zu können, mit der
Entwicklung der Souveränität Österreichs eng verbunden gewesen sei,
sagte Tancsits und spann den Gedanken bis in die Gegenwart weiter:
Ähnlich wie die B-Gendarmerie zum Nukleus des Bundesheeres geworden
sei, könne man auch die heutigen EU-Battlegroups als Nukleus einer
künftigen europäischen Armee sehen.
Erwin A. Schmidl stellte das neue Buch in eine Reihe mit früheren
Publikationen über Österreich im Kalten Krieg und über die Ungarn-
Krise 1956. Die Zeitgeschichte habe sich lange auf die dreißiger und
vierziger Jahre konzentriert und die Zeit von 1945 bis 1955
vernachlässigt. Ziel des vorliegenden Buch sei es zu zeigen, dass die
B-Gendarmerie Voraussetzung für die Entstehung des Bundesheeres und
für die Erlangung des Staatsvertrages war. Für die Zukunft kündigte
Schmidl Werke über die CSSR-Krise 1968 und die Slowenien-Krise 1991
an.
Felix Schneider erinnerte daran, dass in den Jahren 1946 bis 1948
titofeindliche Partisanen von Kärnten aus in Jugoslawien operierten,
was Gegenattacken jugoslawischer „Partisanen" in Kärnten nach sich
zog. Die österreichische Gendarmerie musste diesen meist schwer
bewaffneten Banden mit nichts als Handfeuerwaffen entgegentreten.
Nicht zuletzt diese Erfahrung sei es gewesen, die die Westalliierten
veranlasste, den Staatsvertrag an die Voraussetzung zu binden, dass
in Österreich nach Abzug der Besatzungstruppen kein Sicherheitsvakuum
entstehe.
Walter Blasi unterstrich die Bedeutung der Archive für die Arbeit der
Historiker und zeigte sich skeptisch gegenüber manchen Entwicklungen
des papierlosen EDV-Zeitalters. Der elektronische Akt beende das
Prinzip der Schriftlichkeit in der Verwaltung und allzu viele seien
bereit, unkritisch vor der Informationsmacht des Internet zu
kapitulieren. Für Blasi bleiben die Geschichte und das traditionelle
Medium Buch wichtig, denn wer wissen wolle, wohin er gehe, müsse
wissen, woher er komme.
DAS BUCH
Eingeleitet wird das Buch von Erwin A. Schmidl mit einem Beitrag zum
sicherheitspolitischen Umfeld Österreichs zwischen Kriegsende und
Staatsvertrag sowie zum Wandel der strategischen Konzepte der
Alliierten und der Bundesregierung im beginnenden „Kalten Krieg"
(„Österreich in Europa, 1945 bis 1955"). Fürchteten die Alliierten
zunächst Werwolf-Partisanen und Nationalsozialisten in der
vermeintlichen „Alpenfestung", zeigten sie schon bald die Sorge,
Österreich könnte militärisch zu schnell auf eigenen Füßen stehen.
Der im April 1945 gebildeten Provisorischen Staatsregierung Karl
Renners gehörte nämlich der ehemalige kaiserliche Offizier,
Schutzbündler und Luftwaffenmajor Franz Winterer als
Unterstaatssekretär für das Heerwesen an, der die Aufstellung einer,
wenn auch bescheidenen, Armee plante. Winterers Vorbereitungen für
den Aufbau eines Bundesheeres wurden aber im November 1945 auf
Weisung der Alliierten unterbrochen.
Nachhaltig verschoben wurde das Bedrohungsbild der Alliierten durch
die Verschärfung des Ost-West-Konfliktes: Österreich wurde ein
strategisch wichtiges Land direkt am „Eisernen Vorhang". Schon im
Frühjahr 1848 vereinbarten die Westmächte mit der Bundesregierung die
Aufstellung mobiler Gendarmerieeinheiten, nachdem US-General Geoffrey
Keyes das Pentagon für seinen Plan gewonnen hatte, eine
Spezialeinheit der österreichischen Gendarmerie als schnelle
Eingreiftruppe zur Abwehr eines allfälligen kommunistischen
Putschversuchs zu schaffen. Schuleinheiten der Gendarmerie wurden
heimlich zu „Alarmeinheiten" umfunktioniert und in weiterer Folge zu
„Alarmbataillonen" aufgestockt. Im Sommer 1949 bildeten US-Militärs
in ihren oberösterreichischen Dienststellen erstmals Gendarmen
militärisch aus. Im Herbst erhielten die neuen Alarmeinheiten leichte
Infanteriewaffen ohne Munition und gebrauchte Fahrzeuge; drei
Aufklärungskompanien wurden mit US-Panzerspähwagen vom Typ M-8 mit
MG-Bewaffnung ausgerüstet.
Dienten die Gendarmen anfangs noch abwechselnd am Posten und in den
Ausbildungseinheiten, blieben sie ab Januar 1950 ständig in den
„Gendarmerieschulen" – die Alarmformationen sollten ein „stabiles
Gefüge" erhalten. Auf Wunsch von Außenminister Gruber stärkten die
USA die mobile Gendarmerie nach dem Herbst-Streik 1950 und dem
Ausbruch des Korea-Krieges als „Feuerwehr zur Bekämpfung innerer
Unruhen" weiter. Schrittweise und weiterhin unter strenger
Geheimhaltung wurden unter dem Titel „Regimentverband Hilfskörper II"
in der amerikanischen, britischen und französischen Zone je ein 500-
Mann-Gendarmeriebataillon gebildet.
Ein missglücktes Manöver im Herbst 1951, das bei US-Hochkommissar
Walter Donnely Zweifel an der Einsatzfähigkeit der „Hilfskörper"
weckte, führte zum Sondergendarmerieprogramm vom Februar 1952, das
eine nur noch lose mit der Gendarmerie verbundene Eingreiftruppe
vorsah, die nicht wie bisher von Gendarmeriebeamten, sondern von
kriegserfahrenen ehemaligen Wehrmachtsoffizieren geführt werden
sollte. Weiterhin unter der Geheimbezeichnung „Gendarmerieschulen"
wurden sechs Bataillone mit insgesamt 5000 Mann aufgestellt. Bei der
Berufung der Offiziere wurde streng darauf geachtet, keine NS-
belasteten Personen aufzunehmen. Damals, im August 1952, kam die
Bezeichnung B-Gendarmerie auf, wobei das „B" „andere" oder „zweite"
Gendarmerie, vielleicht auch B(ereitschafts)-, B(ewaffnete) oder
B(esondere) Gendarmerie geheißen haben könnte.
Von Amerikanern gefördert, von Briten und Franzosen wohlwollend
geduldet, von Russen argwöhnisch betrachtet, von der KPÖ denunziert,
der Bevölkerung aber nicht sonderlich beachtet, wuchs diese „B-
Gendarmerie" zu einer straffen, gut ausgebildeten Truppe heran, die
aus Infanteriebataillonen, „Fahreinheiten" (Aufklärungsbataillonen)
und Versorgungskomponenten bestand und 1955 eine Gesamtstärke von
7500 Mann erreichte.
Die Westalliierten sahen diese „B-Gendarmerie" nicht als
Verteidigungsarmee, sondern als eine innenpolitische Eingreiftruppe
für den Fall eines kommunistischen Staatsstreiches oder Putsches.
Viele B-Gendarmen betrachteten sich aber als Kader des künftigen
Bundesheeres. Die Autoren des Buches unterstreichen diese Bedeutung
der „B-Gendarmerie". Diese Truppe sei zu einer wesentlichen Bedingung
für den österreichischen Staatsvertrag und die Souveränität des
Landes geworden, weil ihre Existenz, so Walter Blasi, die Befürchtung
der Alliierten verminderte, der Abzug der Besatzungstruppen könnte in
Österreich ein „sicherheitspolitisches Vakuum", eine Sicherheitslücke
entstehen lassen.
Der Aufbau der „B-Gendarmerie" war, so liest man bei Walter Blasi und
Gerhard Artl weiter, nur eines von drei miteinander verbundenen
Remilitarisierungsprogrammen im Österreich der frühen fünfziger
Jahre. Dazu gehörte auch die Registrierung kriegsgedienter
Österreicher für die Mobilmachung eines sogenannten „Aufgebotes" im
Kriegsfall und die Vorbereitungen einer österreichischen Armee nach
Abschluss des Staatsvertrages.
Das „Aufgebot" resultierte aus dem wachsenden Interesse der
Westalliierten, West- und Südösterreich in ihre europäische
Verteidigungsplanung einzubeziehen. Daher begann die Bundesregierung
seit Oktober 1951 alle wehrfähigen Kriegsteilnehmer - ohne deren
Wissen - auf speziellen Listen zu erfassen, um im Kriegsfall eine
österreichische Exilarmee zu bilden. Da die Westalliierten für einen
Kriegsfall planten, große Teile Österreichs aufzugeben, hätte sich
das österreichische „Aufgebot" - mobilisiert von der „B-Gendarmerie"
- gemeinsam mit Briten und Amerikanern nach Italien zurückziehen
sollen.
Hinter dem Rücken der sowjetischen Truppen waren so genannte „Stay-
behind Operations" geplant. Für diese Aktionen richteten Briten und
Amerikaner unter dem Codewort „Gladio" in den frühen fünfziger Jahren
in Österreich rund 100 Waffenlager mit Pistolen, Maschinengewehren,
Panzerabwehrrohren, Sprengstoff und Funkgeräten ein, erfährt der
Leser in diesbezüglichen Spezialkapiteln von Walter Blasi, Wolfgang
Etschmann und M. Christian Ortner. 85 US-Lager wurden erst 1996 nach
Informationen der US-Botschafterin unter großem medialen Interesse
geräumt, die britischen Lager waren 1959/60 und 1965 liquidiert
worden.
Schließlich schildern teils Walter Blasi in „Die B-Gendarmerie",
teils Felix Schneider in „Der Weg zum österreichischen Wehrgesetz
1955" die militärische Entwicklung des Jahres 1955 von der
Unterzeichnung des Staatsvertrages bis zum Wehrgesetz vom 7.
September 1955, der Basis des neuen Bundesheeres, dem die B-
Gendarmerie organisatorisch als Kader diente. 1956 entstand das
Bundesministerium für Landesverteidigung und im Oktober wurden die
ersten Grundwehrdiener zu den Fahnen gerufen. Bereits wenige Tage
später hatte das junge Heer seine Feuertaufe zu bestehen - die
Sicherung der Ostgrenze während der Ungarnkrise.
In weiteren Spezialkapiteln beleuchtet Walter Blasi die Anfänge des
militärischen Nachrichtendienstes in Österreich und Bianca L. Adair
die unterschiedlichen Positionen von US-Regierung und Kongress zur
österreichischen Wiederbewaffnung. Internationale Vergleiche ziehen
Georg Meyer („Bemerkungen zur Vor- und frühen Geschichte der
Bundeswehr") und Torsten Diedrich („Frühe Aufrüstung im Zeichen des
Kalten Krieges: der Aufbau militärischer Formationen in der SBZ/DDR
1948 bis 1955/56").
„B-Gendarmerie, Waffenlager und Nachrichtendienste. Der militärische
Weg zum Staatsvertrag", herausgegeben von Walter Blasi, Erwin A.
Schmidl und Felix Schneider erschien im April 2005 im Wiener Böhlau
Verlag. Das 240 Seiten starke Buch mit zahlreichen Illustrationen ist
für 29,90 € im Buchhandel erhältlich. (Schluss)
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