"Presse"-Kommentar: Wer ein Warum hat, erträgt fast jedes Wie (von Michael Prüller)

Ausgabe vom 25. März 2005

Wien (OTS) - Das Sterben der Terri Schiavo, das Siechtum Johannes Pauls II. - wie gehen wir eigentlich mit dem Leid um?
Man hört bisweilen das Wort, dass unsere Zeit mit dem Leid nicht mehr richtig umgehen könne. Wer die Vergangenheit betrachtet, muss allerdings feststellen, dass wohl keine Zeit damit richtig umgegangen ist, sondern jede bloß auf ihre eigene Weise falsch.
In unserer Zeit scheint es, dass wir dem Leid und der Angst davor mehr Platz einräumen, als uns selbst gut tut. Der Mensch scheint zunehmend unfähig, auch nur den Gedanken daran zu ertragen. Das ist auch erklärbar. Wer nichts anderes hat als sein Leben, will es restlos auskosten können. Wenn aber das Leben nichts anderes bieten kann als Genuss, ist das Leid der große Spielverderber schlechthin. Krankheit und Verfall werden zu geradezu unerträglich schmerzlichen Einschränkungen der Lebenslust, die als einzige Daseinsberechtigung erscheint.
In einem solchen Kontext wird es immer wichtiger, den gesunden, Genuss-verheißenden Zustand der eigenen Jugend zu konservieren. "Alt" ist ein dunkles, düsteres Wort geworden. Mit Gesetzen, Vorschriften und viel Geld machen wir unsere Welt möglichst sicher, damit uns nichts passieren kann. Erstaunlich, dass wir überhaupt noch in ein Auto steigen dürfen. Und passiert etwas, sorgen ausufernde juridische Möglichkeiten für Schadenersatz und Schmerzensgeld. Etwa schon für die Angst vor einer - noch gar nicht diagnostizierten -Krebserkrankung in den USA oder für erlittene Trauer hierzulande. Im medizinischen Bereich ist die Konsequenz, dass Krankheitsvermeidung und Therapieerfolg zum alles rechtfertigenden obersten Zweck werden. Und es kommt dazu, dass sogar das Leid der anderen für uns nicht mehr auszuhalten ist, sodass wir ihm, wenn es schon nicht anders geht, selbst mit dem Tod ein Ende machen wollen. Hauptsache, es ist nicht mehr.
Dabei spielt uns unsere mitmenschliche Natur einen üblen Streich, wenn wir von unserem Unbehagen auf die Lebensqualität des direkt Betroffenen schließen. Wir sehen einen fröhlich lallenden Mongoloiden und denken: Wäre der nicht besser abgetrieben worden? Wir sehen einen Schwerkranken, kaum noch bewegungsfähig, aber am Leben hängend, und wir sagen: Sollte der nicht längst sterben dürfen? Wir sehen eine Wachkoma-Patientin im Zustand beinahe embryonaler Geborgenheit in sich selbst, und wir finden: Ist es nicht besser, sie verhungert? Dabei wissen wir gar nicht, was der betreffende Mensch selbst will, wie stark sein Lebenswunsch tatsächlich ist. Wir wissen im Grunde nur, wie sehr uns selbst dieses Schicksal erschreckt. Wir wollen helfen und können nicht einmal mit Gewissheit sagen, wem. Dem Leidenden oder uns Mitleidenden?
Auf der Strecke bleiben in diesem menschlichen Dilemma der Leidvermeidung - vielleicht typisch für unsere demokratische Zeit -jene, die im buchstäblichen Sinn keine Stimme haben, die nicht aufschreien können: Ungeborene etwa, Schwerstbehinderte, Greise. Es ist in diesem Zusammenhang ganz eigentümlich zu beobachten, dass dem Papst in seiner schon ins Mystische gehenden Solidarisierung mit den Leidenden dieser Welt am Ende die Stimme abhanden kommt.
"Was hier not tut, ist eine Wendung in der ganzen Fragestellung nach dem Sinn des Lebens: Wir müssen lernen und die verzweifelnden Menschen lehren, dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf:
was das Leben von uns erwartet!", schrieb der vor 100 Jahren geborene und vor 60 Jahren aus dem KZ befreite Psychiater Viktor Frankl in seinen Lagererinnerungen. Und er zitiert (ausgerechnet!) Nietzsche:
"Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie." Wie aber steht es mit dem Warum in einer Kultur, die nicht auf die Vollendung des Lebens im Tod hinlebt, sondern von der Schein-Vollkommenheit der Jugend weglebt - in den Verfall hinein.
Gewiss: Nicht "billiger, verkrampfter Optimismus" ist die Antwort, meint Frankl angesichts des "Leistungs-charakters" des Leidens. Es muss wohl tapfere Lebensbejahung sein - die uns allen nicht immer leicht fällt. Religiöse Menschen, die den Lohn im Himmel oder bei der nächsten Wiedergeburt erwarten, haben dabei vielleicht einen Startvorteil. Aber Frömmigkeit, das zeigen uns viele Beispiele, ist weder eine notwendige, noch eine hinreichende Voraussetzung dafür, das Leben und damit das Leid annehmend zu meistern. Es gibt keine Ausrede, es nicht zu versuchen. Es gibt aber auch keine Berechtigung, jene zu verdammen, die dabei versagen. Wer kann in dieser Sache schon für sich die Hand ins Feuer legen?

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