• 11.03.2005, 19:43:00
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wer Geschichte schreibt, der fälscht sie auch schon" (Von Frido Hütter)

Ausgabe vom 11.03.2005

Graz (OTS) - Nach Auschwitz könne man keine Gedichte mehr
schreiben, hat Theodor W. Adorno gemeint. - Wer Paul Celans
"Todesfuge" kennt weiß, dass Adorno irrt. Oder fehlinterpretiert
wurde.

Zwischen den beiden Positionen bleibt dennoch die Frage, ob Kunst im
weitesten Sinne geeignet ist, Geschichte darzustellen, an Triumph und
Tragödie zu erinnern, sich gegebenenfalls in Demut zu üben.

In Wien wird heute Abend das erste von "25 peaces" zu erleben sein.
Mit Installationen, Lichtprojektionen, Geräuschen etc. gedenkt man,
auf den Tag genau, der schwersten aller Bombennächte, vor 60 Jahren.
Übers Jahr werden weitere Gedenkstücke folgen, von Gemüsebeeten auf
dem Heldenplatz bis zum mobilen Belvedere-Balkon. - Vielleicht ist
eben dieses Spielerische ein seriöser Ansatz. Vielleicht auch nicht.

Wer Geschichte schreibt, fälscht sie auch schon. Weil es keine
objektiven Quellen gibt, weil jeder Wissenstand ein partieller ist,
weil eigenes Erleben und eigene Einschätzung subjektiv sind. Etc.

Folglich ist der Versuch, Geschichte abzubilden implizit vergeblich.
Erlebbar am Beispiel des World War II-Memorials von Friedrich St.
Florian in Washington. Der neoklassizistische Pomp und die
naturalistischen Reliefs erzählen nicht mehr als ein mittelmäßiger
Kriegsfilm.

Anders Maya Lins Denkstelle für Amerikas Tote in Vietnam: Schlichte
58.229 Namen eingraviert auf einer schlichten Wand erinnern an jeden
einzelnen von ihnen. Unausweichlich.

Wie gefährlich es sein kann, Geschichte atmosphärisch rekonstruieren
zu wollen, erfuhr Joachim C. Fest mit der Filmversion seines Buches
"Hitler - Eine Karriere". Da er versuchte, die damalige Begeisterung
irgendwie plausibel zu machen, wurde Fest in die Nähe von
Wiederbetätigung gerückt.

Und welche Wirkung hat ein Film? Dringt Claude Lanzmanns neuneinhalb
Stunden lange Doku "Shoah" tiefer ins Gemüt ihrer Betrachter als
Steven Spielbergs hoch emotionelle Geschichte "Schindlers Liste"? Da
Kommunikation stets beim Empfänger stattfindet, gibt es keine Antwort
darauf.

Eventuell sind die intensivsten Gedenkmomente nicht die arrangierten.
- Man besuche in Weimar Goethes Haus, einen bemerkenswert lebendigen
Ort von Großgeist und Güte. Danach fahre man auf die Anhöhe vor der
Stadt, streiche stumm durch das KZ Buchenwald, diesen Unort von
Kleingeist und Grausamkeit. - Viel Licht, viel Schatten. Und nichts
deutet darauf hin, dass diese Zwangs-Dialektik in absehbarer Zeit
überwunden werden könnte.****

OTS0249    2005-03-11/19:43

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