Volkshilfe: offener Brief an Bundesministerin Miklautsch

Wien (OTS) - Offener Brief des Bundesgeschäftsführers der Volkshilfe an Bundesministerin Mag. Karin Miklautsch mit dem dringenden Appell, sich für die Enthaftung von Frau Ursula B. einzusetzen

Sehr geehrte Frau Bundesministerin,

als Bundesgeschäftsführer der Volkshilfe Österreich engagiere ich mich laufend für Menschen in Problemsituationen. In dieser Funktion habe ich mit wachsender Betroffenheit die Entwicklungen im Fall der mehrfach misshandelten Frau Ursula B. verfolgt. Der Bericht in der ORF-Sendung Thema vom 14.2.2005 sowie die Meinungen der involvierten Experten machen klar, dass es sich hier um eine klassische Umkehrung der Opfer-Rolle handelt.

Worum geht es? Eine Frau wird jahrelang körperlich, sexuell und psychisch von ihrem Mann und seinen Mittätern misshandelt. Die Frau schafft es, mit ihren beiden Kindern aus dieser existenzgefährdenden Situation in ein Frauenhaus zu flüchten. Medizinische Fachleute sowie DiplomsozialarbeiterInnen führen gründliche Untersuchungen und Befragungen durch und stellen objektivierbar fest, dass Frau Ursula B. tatsächlich schwersten Gewaltanwendungen ausgesetzt war und dass auf Grund dieser Misshandlungen auch schwere Traumata vorhanden sind. Basierend auf fachlichen Feststellungen und der Faktenlage wird dieser Frau geraten, Anzeige gegen ihre Misshandler zu erstatten.

Über Frau Ursula B. wurde in Folge ihrer Anzeige gegen jene Männer, die sie wiederholt und schwerstens misshandelt hatten, Untersuchungshaft verhängt.

Die krasse und nicht nachvollziehbare Maßnahme seitens Staatsanwaltschaft und Untersuchungsrichterin wird mit "Wiederholungsgefahr" begründet - dies widerspricht jeglichem Rechtsverständnis. In welchem Verhältnis die angeblich widersprüchlichen Aussagen des Opfers zur Beweislast der dokumentierten Verletzungen stehen, ist nicht in Frage zu stellen.

Anzumerken ist, dass eventuell auftretende Widersprüche in Aussagen von Menschen, die psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt waren, in erster Linie ihrer schweren Traumatisierung zuzuschreiben sind und keinesfalls als Indiz für eine Fragwürdigkeit der Opfer in ihrer Aussage gewertet werden kann.

Die Haft macht es Frau B. unmöglich, mit rechtlichen Mitteln gegen die wiederholten schweren Misshandlungen vorzugehen und liefert sie nachfolgend ihren Misshandlern zur Gänze aus.
Die beiden minderjährigen Kinder von Frau B., die 4 und 6 Jahre alt sind, mussten nicht nur die schweren Verletzungen, die der Mutter zugefügt wurden, mitansehen und miterleben, sondern verlieren nunmehr ihre Mutter in der Konsequenz für deren Versuch, sich aus der Gewalt zu befreien. Welche Botschaft nehmen diese Kinder in ihr Erwachsenenleben mit, wie können sie auf dem Weg zur Fremdunterbringung das Erlebte verarbeiten?

Versuchen wir auch, uns in die emotionale und psychische Situation der Mutter hineinzuversetzen, wie es ihr wohl dabei gehen muss, nach der erfahrenen Gewalt nun im Gefängnis zu sein, die Ohnmacht und die Angst zu erleben vor dem, was noch kommt, die kleinen Kinder unversorgt zu wissen. Den Berichten der betreuenden Psychologin zu Folge ist bekannt, dass Frau B. eine sehr enge und liebevolle emotionale Bindung zu ihren Kindern hat.

Die Inhaftierung eines Missbrauchs- und Misshandlungsopfers nach dessen erstem Versuch, gegen die erlebte Gewalt rechtlich anzugehen, hat natürlich eine entsprechend große Signalwirkung auf alle Opfer von familiärer Gewalt, seien es Frauen, Kinder, Jugendliche. Viele dieser Menschen finden nicht den Weg aus der Gewaltspirale bzw. nur nach langer Zeit vieler durchgemachter Qualen.

Erlittene familiäre Gewalttätigkeit zur Anzeige zu bringen, benötigt oft einen langen und mühsamen sozialarbeiterischen und therapeutischen Prozess, viel Kraft und Überwindung. Dies ist aber ein unumgänglicher Schritt, nicht nur um Gewaltopfern zu ihrem Recht zu verhelfen, sondern auch um familiäre und sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder Schritt für Schritt zu enttabuisieren.

Frau Ursula B. wird durch ihre Inhaftierung in ihrer Menschenwürde zutiefst verletzt. Die Kinder wurden ihrer Mutter, deren Schutz und deren Liebe beraubt, das sind nicht wieder gut zu machende Übergriffe.

Für alle Opfer von Gewalt ist dieser Justizakt ein klares Signal, sich nicht aus der Gewalt zu befreien und schon gar nicht, diese zur Anzeige zur bringen. Dieses hier demonstrierte Verhalten der Justiz beinhaltet und bedeutet Schutzlosigkeit und die klare Mahnung, davon Abstand zu nehmen, Aggressoren vor Gericht zu bringen.

Ich fordere Sie als zuständige Bundesministerin dringend dazu auf, die sofortige Enthaftung von Frau Ursula B. zu veranlassen und ihr in Folge den nötigen Schutz vor weiterer Verfolgung zu garantieren.

Ich ersuche Sie auch, ein klares politisches Statement für Opfer von familiärer Gewalt abzugeben, aus dem unmissverständlich hervorgeht, dass Sie als zuständige Ministerin alle in Ihrer Macht stehenden Schritte unternehmen, um diese darin zu stärken, sich aus der Gewalt zu befreien und sie zur Anzeige zur bringen.

Zeigen Sie als Ministerin und als Mitglied der Bundesregierung, dass der rechtliche Schutz von Misshandlungs- und Missbrauchsopfern, die in erster Linie weiblich, in zweiter Linie minderjährig sind, für Sie oberste Priorität darstellt.

Mit freundlichen Grüßen, DSA Erich Fenninger Bundesgeschäftsführer Volkshilfe Österreich

Rückfragen & Kontakt:

Volkshilfe Österreich
Rainer Stoiber
Tel.: 0676/83 402 216

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | VHO0001