• 12.02.2005, 19:44:38
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die dunkle Vorgeschichte" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 13.02.2005

Graz (OTS) - Wieder ein Fünferjahr und diesmal ein ganz besonderes
Gedenkjahr. Österreich feiert den sechzigsten Geburtstag der Zweiten
Republik und den fünfzigsten Jahrestag des Staatsvertrags sowie die
zehnjährige Zugehörigkeit zur EU. Ein auf den ersten Blick
geradliniger Weg aus Schutt und Trümmern über Wiederaufbau und
Freiheit zur geglückten Eingliederung in die europäische Familie.

Bei so viel Anlass zu Stolz und Freude besteht die Gefahr, die dunkle
Vorgeschichte auszublenden: unsere Verstrickung in den großdeutschen
Angriffskrieg und unsere Mitschuld an den Verbrechen der
Nazi-Herrschaft.

Der Kalender des Jubiläumsjahres 2005 ist derart dicht, dass man
dieser Erinnerung nicht entkommen kann. Gleichzeitig wird durch die
Abfolge der Gedenkfeiern auch der Blick nicht nur nach rückwärts,
sondern auch nach vorne gerichtet, was Verkrampfungen und
Einseitigkeiten auflösen sollte. Zwischendurch hatte man fast den
Eindruck, 1938 sei nicht Hitlers Armee nach Österreich einmarschiert,
sondern Österreich hätte Deutschland überfallen. Die moralische
Überheblichkeit, die in der Selbstanklage mancher Nachgeborener lag,
war eine ebenso groteske Verdrehung der Geschichte wie die abstruse
Behauptung, Österreich sei 1945 nicht von der braunen Diktatur
befreit worden, sondern unter das Joch der roten Besatzungsmacht
geraten.

Heuer sollte es gelingen, mit dem Leugnen und Aufrechnen endlich
Schluss zu machen. Zwei Erinnerungstage von elementarer Wucht liegen
eng beieinander: Am 27. Jänner versammelten sich Staatsmänner aus
aller Welt in Auschwitz, um mit Überlebenden der Befreiung des
Vernichtungslagers durch sowjetische Truppen zu gedenken und zu
mahnen, in welchen Abgrund die Verletzung der Menschrechte und die
Missachtung der Menschenwürde führen. Am 13. Februar wird in Dresden
der Schreckensnacht gedacht, als die britische Luftwaffe die barocke
Altstadt in Schutt und Asche bombte.

Lange hatte man eine Scheu, beide Tage, beide Orte, Auschwitz und
Dresden, nebeneinander zu stellen. Ein Vergleich oder gar ein
Aufrechnen des millionenfachen Massenmords an Juden mit dem Tod von
Deutschen durch Zerstörung und Vertreibung ist nicht möglich, aber es
sind die Stationen einer unheilvollen und unteilbaren Geschichte - im
Konzentrationslager Mauthausen ebenso wie in der Schlacht um Wien
oder der Bombardierung von Graz und Klagenfurt.

Ursache und Folgen hängen zusammen: Viele Österreicher sind mitschuld
an den Verbrechen gewesen und noch viel mehr haben die Leiden des
Krieges mittragen müssen. ****

OTS0037    2005-02-12/19:44

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